Fair Paysex statt Zwangsprostitution und Zwielicht!
 


Die Initiative Fair Paysex,
die sich abgrenzt gegen Zwangsprostitution und Rotlichtkriminalität,
getragen von Tätigen aus dem Erotik-Dienstleistungsgewerbe,
will anschaulich machen, wie sehr sich die Realität
von selbstbestimmten Erotik-DienstleisterInnen, Freiern,
Agenturen und Freudenhäusern
von hartnäckig verbreiteten Vorstellungen unterscheidet.



Zu Auswirkungen des schwedischen Modells (vom April 2012)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Laura,

du kennst mich nicht, aber wir haben einige Gemeinsamkeiten. Auch ich habe als Prostituierte - Prostitutée en Francegearbeitet, auch ich war damals eine 19jährige Studentin - étudiante en France - und bin so alt wie du. Auch ich schreibe unter Pseudonym.
Über deine Erfahrungen mit käuflichem Sex hast du kürzlich in Frankreich - France ein Buch veröffentlicht. „Mein teures Studium“. Du habest die geile Studentin - étudiantes aus purer Geldnot übers Internet anbieten müssen und du habest die Begegnungen mit den Männern gehasst.

Dieses Buch schlug ein wie eine Bombe. Soeben ist es auch bei uns in Deutschland erschienen und mit ihm die Wellen der schäumenden Debatte. Es sei ein Unding, dass die finanzielle Belastung Studentinnen in die Prostitution treibe. In der Tat: Sich prostituieren zu müssen, ist immer ein Unding, egal wo, egal wie.
Dass du unter deiner Prostitution gelitten hast, spiele ich nicht herunter. Ich finde gut, dass du mittlerweile nicht mehr als Hure arbeitest. Was sollst du dich auch mit Dingen quälen, die dir nicht liegen.
Nur – mein Fall liegt ganz anders. Ich habe die Prostitution geliebt. Ich war glücklich mit meiner Freiheit und sog die vielfältigen Eindrücke und Begegnungen in dieser Arbeit gierig auf.

Es ist dein Glück, dass du über ein besonderes Thema schreibst. Denn Hurenliteratur ist immer pikant, immer gefragt. Es ist aber auch dein Pech. Weil man über Prostitution nicht so arglos subjektiv schreiben sollte wie über einen Job als Kellnerin. Du hättest im Auge behalten müssen, wer dein Buch lesen wird und wie er es lesen wird. Die Welt nämlich hat offiziell keine Ahnung von Prostitution, und das Offizielle ist ihr in diesem speziellen Falle so wichtig, dass sie selbst darauf hereinfällt. Das heißt, sie glaubt dir jedes Wort. Sie geht davon aus, dass du ihr die objektive Wahrheit über die Prostitution lieferst. Was du schreibst, kann aber nur deine subjektive Wahrheit sein. Darauf hättest du deutlich hinweisen müssen.

Darauf hast du nicht deutlich hingewiesen. Stattdessen schreibst du schon im Vortwort: „Man tut es [Prostitution] nur aus der Not heraus und redet sich ein, es sei nur vorübergehend“. Damit begehst du einen Kunstfehler: Du schließt von deiner Prostitution auf die Prostitution allgemein. Dabei widersprechen z.B. meine Erfahrungen in der Prostitution den deinen vollkommen, und würden wir Subjektivität und Objektivität miteinander verwechseln, könnten wir uns über unseren gegensätzlichen Haltungen ordentlich zerstreiten. In Wahrheit gibt es so viele verschiedene Prostitutionen, wie es Prostituierte gibt.

Das ist ja eigentlich vollkommen einsichtig und man muss überhaupt nichts dafür wissen, weil man es sich denken kann. Man sollte meinen, ein Mensch, der öffentlich debattiert, der kann auch von allein auf den Gedanken kommen, dass nicht alle Prostituierten in ihrem Job unglücklich sind. Dass, solange es jeder Frau freisteht, als Hure zu arbeiten, auch prinzipiell jede Studentin sich dazu entscheiden darf. Und dass bei 400.000 Huren in Deutschland sich bereits die eine oder andere Studentin darunter befinden wird.
Und dennoch wirst du zur Zeit gehandelt, als seist du die einzige Autorität zum Thema.

Woher kommt dieser offensichtliche und naive Irrtum? Woher die angeblich so maßlose Überraschung ob deiner Enthüllungen? Möchten deine Leser behaupten, es käme ihnen erst jetzt ins Bewusstsein, dass finanzielle Not zu Prostitution wie zu so vielem anderen auch führen kann? Oder soll erschütternder sein, wenn eine Studentin im Puff arbeitet als eine alleinerziehende Mutter? Nicht im Ernst. Zumal ein Studium nicht so lange dauert wie ein Kind großzuziehen.

Stell dir einmal vor, ich käme auf den Gedanken, von meinem Fall auf alle Fälle von studentischer Prostitution zu schließen. Ich schriebe, dass alle Studentinnen - étudiantes - im Puff begeistert davon seien – nur weil ich es war. Dann sähe doch jeder Idiot, dass ich offenbar unfähig bin, mögliche Unterschiede zwischen mir und anderen Menschen einzuräumen. Umgekehrt ist es genauso absurd! Wie kann die Welt ernsthaft meinen, du könnest repräsentativ für „die Studentin in der Prostitution“ sein? In den aktuellen Argumenten muss man sich heillos verheddern, weil die ganze Ebene schief ist.

Wie also erklärt sich dein Ruhm? Nun, deswegen schreibe ich dir, Laura, denn ich fürchte, ich weiß die Antwort: Du kommst der Gesellschaft sehr gelegen. Deine brave, reumütige Art, eine fleißige Studentin sein zu wollen und unter deinem lasterhaften Leben zu leiden, ist natürlich hübsch. Von der ersten bis zur letzten Seite versäumst du keine Gelegenheit, darauf hinzuweisen, wie versessen du auf eine akademische Karriere bist, wie fleißig dein Lernen und wie groß dein Bildungshunger seien. Das alles ist wirklich schön für dich. Leider stürzen sich dadurch solche Leute auf dich, die die Jugend am liebsten in der Bibliothek sehen. Pflichtbeflissene Frauen sind ja immer noch willkommen.

Das an sich wäre noch nicht schlimm. Aber du bist aufgewachsen in einer Welt, die die Prostituierte zum Gegenteil all dieser hohen, heiligen Werte verdammt hat. Und das zitierst du ebenfalls. Jetzt wirst du nicht mehr nur naiv, sondern dumm. Du fühlst dich „schmutzig“, schreibst du, du seist jetzt „nur noch eine Nutte“ und deine Haut schwitze „Scham“ und „Schande“ aus. Du scheinst ein wenig unvorsichtig mit Sprache umzugehen, Laura. Denn sicher haben es nicht alle Huren verdient, als „ schmutzige Nutte“ bezeichnet zu werden. Schade, dass du verpasst hast, darauf hinzuweisen.

Vielleicht wolltest du das ja gar nicht sagen – Ihr schmutzigen Nutten und wir sauberen Studentinnen und ich armes Opfer. Aber so wirst du gelesen. Es fiele mir leicht, dich anzugreifen, wenn du geplant hättest, was jetzt die Öffentlichkeit an deinem Fall so schön empört. Aber du hast es nicht geplant. Du hast einfach nur zu wenig nachgedacht.

Damit hast du viele Gelegenheiten verschossen, die Diskussion um Prostitution zu bereichern. Du zitierst einfach das, was schon da war.

Dein Buch beginnt so: „Er steht jetzt vor mir, die Hose zu seinen Füßen. Ich stehe in Unterwäsche vor ihm und sehe, wie er mich lange anstarrt. Ich weiß, in knapp einer Minute wird er mich bitten, mich zu ihm zu setzen, und danach wird mein Körper mir eine Stunde lang nicht gehören.“ Dein Körper gehöre dir nicht mehr? Das halte ich eher für eine Wahrnehmungsstörung als für Prostitution.

Solche feinen Verleumdungen und Verdrehungen, die unsere Sprachgewohnheiten der Prostitution tagtäglich antun, macht sich die Debatte um dein Buch, wie gesagt, nicht klar. Du wirst eingespannt für eine Weltsicht, die du vielleicht gar nicht unterstützen wolltest. Du spielst ihr in die Hände, indem du formulierst, wie man es schon immer getan hat. Nur: Sprache kann nicht nur abbilden – sie kann auch verfälschen. Merkwürdig, dass ich dir als einer Sprachstudentin das sagen muss.

Nehmen wir deinen Ausstieg. Du schreibst, du habest ihn nach einem „traumatischen Erlebnis“ geschafft. Du meine Güte – bei dieser Ankündigung hatte ich mir ernsthaft Sorgen um dich gemacht. Das ist dergestalt formuliert, dass ich an eine Gruppenvergewaltigung gedacht habe. Das wäre Trauma gewesen. Mir scheint, du benutzt gewisse Begriffe etwas inflationär. Denn dein „Trauma“ bestand darin, dass dir ein Freier mit seiner Familie in deinem Lieblingscafe begegnete. Er hat sogar mitgespielt, dass ihr euch dort just erst kennenlernt. Wer keine Traumata hat, macht sich offenbar selbst welche, hm? Schön, dich hat schockiert, dass dir das vor Augen geführt wird, was dir vorzustellen du dich weigertest – dass die Freier eine Familie haben könnten und ein Leben außerhalb deiner Matrix des bösen, notgeilen, einsamen Losers. Tja... Könnte es sein, dass auch dieses Bild des Freiers nichts anderes ist als eine Projektion und ein Klischee, welches du von deiner Erziehung übernommen hast?

Bei uns in Deutschland - en Allemagne - schätzt man, dass 90% aller Männer mindestens einmal Erfahrungen mit Prostitutierten gemacht haben. Dass sich zwischen zwei Quickies doch einmal eine dieser schattigen Gestalten in ein öffentliches Cafe verirrt, damit hätte man vielleicht rechnen müssen.

Auf der zweiten Seite schreibst du, dein Ziel sei, „das Ausmaß der Heuchelei aufzudecken, die die studentische Prostitution umgibt.“ Aber da du dir selbst eine Version zurechtheuchelst, hast du dein Ziel verpasst und stattdessen die Heuchler gefüttert. Die Heuchlerin in dir und den Heuchler der Öffentlichkeit. Du deckst die Wahrheit nicht auf, sondern zu.

Gib Acht, wer dich liest... Du glaubst deinen Lesern zu sehr, ihrer Aufrichtigkeit, ihrer Bewusstheit. Du glaubst ihnen, sie seien betroffen von deinem Schicksal. Falsch. Sie sind davon begeistert. Weil du ihnen einen Bericht aus einer Löwengrube lieferst, wie furchtbar da drin in der Prostitution, bei den bösen, kranken Freiern doch alles sei. (Dass meine Freier mir um keinen Deut kränker vorkamen als die gesamte Gesellschaft, die jetzt so aufgewühlt diskutiert, wie man dich zukünftig vor solchen Abgründen schützen könne, wage ich hier ja gar nicht weiter auszuführen.)

In Wahrheit geht es den aufgepeitschten Gemütern nicht um die Rettung der Studentin, sondern um die sexuelle Zähmung der Frau. Du dienst als Etüde für ein ganz altes, übles Spiel: die Demütigung der Hure. Dafür bist du die perfekte Vorlage, denn leider assistiert jeder zweite deiner Sätze diesem Thema. Kaum kannst du noch in einer Metro sitzen, ohne dass „mir Stimmen in meinem Kopf [sagen], dass ich nur eine Nutte bin. [...] Ich bin nichts wert, ich bin schmutzig und habe das Gefühl, dass ich es mein ganzes Leben lang bleiben werde.“ Es genügt schon, dass in irgendeinem Raum irgendwelche Vorhänge herumhängen, damit du kommentierst: „Sie unterstreichen, dass das, was ich tue, schlecht ist, schmutzig.“ Immerhin sei es „beschlossene Sache, [später] ein guter Mensch zu sein. Im derzeitigen Lebensabschnitt kann ich es mir nicht leisten.“ Usw. usw.

Um dich vor den Sauberen öffentlich reinzuwaschen, ist dir die pauschale Beschimpfung der Huren gerade schmutzig genug. Das ist ärgerlich für alle Frauen, die auf den Sittenkodex pfeifen und in ihrer Prostitution die Freiheit feiern. Ich könnte also sagen, du verhieltest dich egoistisch und unmoralisch. Aber nicht wahr – wie sollen wertlose Nutten denn Werte haben können?

Ich habe nicht alleine in der Prostitution gearbeitet wie du, sondern unter vielen Kolleginnen. Das heißt, wenn hier eine von uns beiden etwas Übersicht über die Situation von Huren hat, dann bin ich das. Und wenn eine von uns beiden aus ihrer subjektiven Erfahrung auch auf etwas Objektives schließen darf, dann bin ebenfalls ich das. Weil ich mit vielen anderen Studentinnen im Puff gesprochen habe. Und weil ich – pardon – vom Klischeedenken der Gesellschaft, soweit es die Prostitution betrifft, unabhängiger bin als du.

Meine Uni- und Puffkolleginnen studierten Archäologie, Jura, Gender Studies, Kulturwissenschaften, Ethnologie, Bibliothekswissenschaften, Wirtschaft, Soziologie, Philosophie, Linguistik oder Medizin. Und ja, Sprachen studierten sie auch, Wie du, Laura. Aber das Wichtigste: Sie begriffen sich nicht als Opfer ihrer Situation. Sie hatten sich freiwillig für die Prostitution entschieden und waren in der Lage, diese Selbstverantwortung für ihr Leben auch zu erkennen. Häufig hatten sie ihren Freunden und Familien davon erzählt. (Na gut, bei uns in Deutschland - Allemagne sind Bordelle auch nicht strafbar.) Manche brauchten das Geld gar nicht. Die Frauen, die ihr Studium damit finanzieren wollten, genossen, dass sie dadurch mehr Zeit für die Uni hatten. Und die Frauen, die sich unabhängig von der Uni und zum Teil schon vor ihrem Studium für die Prostitution entschieden hatten – ja, für die ist der aktuelle Zwangsfokus auf die Studentin in der Prostitution sowieso ein Rätsel.

Es ehrt dich ja, dass du uns Studentinnen (étudiantes) im Puff alle retten willst, aber wir wollen gar nicht gerettet werden.
Ich fasse dein Buch mal zusammen: „Ich war jung und brauchte das Geld.“ Tja, meine Antwort und die meiner Kolleginnen wäre: „Ich war jung und lebte die Freiheit.“ ...
Diese Antwort wollen deine Leser natürlich nicht wissen. Sie wollen Futter für ihre Feindbilder. Und die lieferst du reichlich. Weil du nicht nachgedacht hast darüber, inwiefern du selbst deine Erfahrungen in der Prostitution mitbestimmt hast, deinen Fokus auf deine Situation, deine Voreingenommenheit. Erlaube mir die professionelle Einschätzung, dass deine Freier ganz normale Männer gewesen sind - und dennoch tauchen sie in deiner Wahrnehmung nur als Pädophile oder anderweitig Perverse auf. Wie ist es denn sonst so mit deiner Meinung über Männer, Laura? Denn - nicht wahr, überall im Leben begegnet man immer auch einem Stück von sich selbst. Wie könnte es in der Prostitution dann anders sein? Aber es ist ja soviel bequemer, durch ein Unrecht zu fallen als durch die eigene Verantwortung...

Hast du vielleicht von der Gesellschaft fraglos übernommen, dass die immer die Böse ist? Ich kann dir sagen: Sie ist es nicht. Die Prostitution an sich ist nämlich viel zu wenig, um „böse“ oder „gut“ sein zu können. Sie ist fast nichts, nur Sex gegen Geld. Und du schreibst, du liebest Sex. Geld liebst du offenbar auch. Alle Probleme, die daraus erwachsen, dass beim Sex Geld auf einem Tisch nebenan liegt, sind also künstliche Probleme und keine ursprünglichen. Noch was verpasst...

Könnte es sein, dass die Heerscharen schutzbedürftiger Mädchen deshalb beschworen werden, um die eigene Täterschaft besser abstreiten zu können? Dass man die Feindbilder der gefährlichen Prostitution, der billigen Nutte und des perversen Freiers primär kultiviert, um die eigentlichen Skandale zu vertuschen?
Denn du hast ja Recht damit, dass du durch deine Erfahrungen in der Prostitution an Skandale gerührt hast. Nur – die suchst du an der falschen Stelle.

Ja, Laura, die eigentlichen Skandale... Z.B. schreibst du, deine größte Angst sei, dass deine Eltern dich identifizieren könnten. Du schreibst, du möchtest „meine Eltern [...] schützen. Sie dürfen es nicht erfahren. Niemals. Ich bin ihre liebe kleine, geradezu vorbildliche Tochter. Dickköpfig, ja, aber keine Hure.“ Tatsächlich - vorbildlicher geht es kaum, als die (Mit-)Täter schützen zu wollen. Das ist wahre sittliche Disziplin. - Ich sehe also richtig, dass deine Eltern dir einen Drogenentzug bezahlen würden, aber dich verstoßen, wenn sie wissen, dass du dein Studium mit Sex finanziert hast? Dass dies ein ganz normaler Wahnsinn ist, der kaum jemandem in unserer Kultur noch auffällt - ist das nicht ein Skandal, den anzuprangern sich viel mehr gelohnt hätte als das Rumhacken auf einem langsamen „Pierre“ oder einem alten „Joe“?


Einen weiteren handfesten Skandal stellt es dar, dass Frankreich Bordelle verboten hat und euch damit in den Untergrund und in gefährlichere, ungeschützte Formen der Prostitution drängt. Das provoziert den Zuhälter, der in deinem Weltbild offenbar vom Himmel zu fallen pflegt. Das provoziert Scham und Einsamkeit, den Alpdruck eines Doppellebens und all die Ängste, unter denen du gelitten hast.
In Wahrheit verdienten die Verhältnisse und diese Gesetzgebung jene Empörung, die du anderweitig investierst. Die Gesellschaft macht die Prostitution zur Hölle! Das ist der eigentliche Skandal und die wahre Neuigkeit und verdiente jene Entrüstung, die die aktuelle Debatte so gern umlenkt auf hohe Studiengebühren und kleine Mädchen.

Was will ich dir sagen? Eine Frau muss die Prostitution wollen dürfen und tun dürfen und lieben dürfen.
Denn, Laura, solange uns Frauen unser Sex nicht gehört, gehört uns gar nichts. Wer wüsste das besser als die Gesellschaft, die uns das Bewusstsein unseres Markt-Wertes madig machen möchte? Gib Acht, wer dich liest...

viele Grüße aus Berlin -

Paula

 

 

In kaum einer anderen Sache ist man sich im vereinten Europa so uneins,
wie im Umgang mit dem Lustgewerbe.

Während z. B. in den Niederlanden, Griechenland, Portugal, Spanien und Deutschland (und der neutralen Schweiz) das Erotikdienstleistungsgewerbe legal und nicht mehr sittenwidrig ist, werden in Schweden die Käufer von sexuellen Dienstleistungen (meist Männer) mit bis zu 6 Monaten Gefängnis bestraft. In Frankreich wurden Bordelle gleich nach dem 2. Weltkrieg verboten und damit das Sexgewerbe fast vollständig auf die Strasse verlagert.


Schweden

Die schwedischen Gesetze, die 1999 in Kraft getreten sind, sehen die generelle Bestrafung von Freiern vor. Ertappte Freier werden danach mindestens mit einer Geldbusse von 50 Tagessätzen, im Höchstfall mit 6 Monaten Gefängnis bestraft. Zudem wird meist eine Umerziehung bei einem "Psychologen" angeordnet.
Da schon vor der Gesetzesänderung 1999 die Alimentierung Arbeitsloser in Schweden relativ umfassend war, war der Teil der sexuellen Dienstleisterinnen, die mit ihrer Tätigkeit in erster Linie Geld verdienen wollten, sehr gering. Prostitution spielte bis in die 90er Jahre im weltweit als sexuell freizügig bekannten, relativ saturierten Schweden eine geringe Rolle. Erst im Zuge der Globalisierung drangen auch nach Schweden Frauen aus viel ärmeren, vorwiegend osteuropäischen Ländern vor, nicht, wie gern behauptet wird, zwangsläufig und immer im Schlepptau von Menschenhändlern! Seitdem wurde auch im reichen Schweden Prostitution offener sichtbar.
Traditionsbewusste Schweden, die es schwer ertragen konnten, dass in ihrem Land mit seinen wohlversorgten Bürgern so etwas passieren kann, bildeten mit radikal feministischen Kräften eine Allianz, aus der das Gesetz zur Freierbestrafung hervorging.

Dieses Gesetz gründet auf 3 Behauptungen, die auf widerlegbaren und unserer Meinung nach völlig an der Realität vorbei gehenden Hypothesen beruhen:

1.
SexdienstleisterIn sei man STETS unfreiwillig.
Eine Sexdienstleisterin, die das bestreitet, wird kurzum zur Lebenslügnerin erklärt, mit der man folglich nicht ernsthaft diskutieren muss.

2.
Jeder Mann, der eine erotische Dienstleistung kaufe, sei daher grundsätzlich ein Gewalttäter! Er nutze beim Kauf von Sex die stets vorhandene(!) Problemlage der Frau aus, aus der heraus sie sich, bzw. einen Teil von sich ihm aus (innerer) Not heraus und unfreiwillig verkaufe.
Der Sexkauf wird analog zum Organhandel betrachtet, bei dem ein Not leidender Mensch z.B. seine Niere, also tatsächlich einen Teil von SICH verkauft, um von der Entlohnung eine Weile lang überleben zu können. Da f
reie Sexdienstleisterinnen, die aus eigener Erfahrung wissen, dass sie eine Dienstleistung erbringen und nicht sich selbst oder einen Teil von sich verkaufen, von vornherein als Lebenslügnerinnen entmündigt sind, gibt es niemanden, der dieser Aussage widersprechen kann...

3.
Ein Mann, der die Möglichkeit oder gar Gewohnheit habe, Sex zu kaufen, neige auch im Umgang mit anderen Frauen und Partnerinnen dazu, diese, bzw. deren Erotik für käuflich zu halten. Ein Sexkaufverbot diene deshalb der Sache der Frau.
Man will also tatsächlich durch das Sexkaufverbot ein sensibleres Verhalten von Männern gegenüber Frauen herbeiführen! Indem man einen nicht unbeträchtlichen Teil der männlichen Bevölkerung kriminalisiert und diesen Männern ein ganz neues Schuldbewusstsein anerzieht? - Das Gegenteil liegt näher! Dies bestätigt sich lt. Aussagen von Sexdienstleisterinnen, die schwedische Klienten im grenznahen Ausland empfangen. Erst das von den schwedischen GesetzgeberInnen gewünschte Schuldbewusstsein führt demnach tatsächlich zu einer verächtlich-verklemmten Haltung, zumindest gegenüber den Sexdienstleisterinnen.

 

Patriarchale Strukturen haben die Position der professionellen Liebesdienerinnen im Europa der letzten Jahrhunderte stets geschwächt. In Schweden aber werden die freiwillig im Sexgewerbe tätigen Frauen - vorwiegend von ihren Schwestern - zu labilen Lebenslügnerinnen herabgewürdigt, die für ihr eigenes Handeln nicht verantwortlich sein können.
Wenn der Mann, der die erotische Dienstleistung kauft, (in Schweden spricht man von "Sexkauf") ein Gewalttäter ist, kann die Frau, die sich freiwillig mit ihm einlässt, nur das Pendant zu ihm, also nicht besser sein.
Dieser Gedanke wird von den Sexkauf-SanktioniererInnen aber übersprungen, da man ja vorgeblich auch die Prostituierten durch das Gesetz schützen will und nur schwer erklären könnte, wieso man ihre Selbstachtung untergräbt.

Die selbstbestimmten Sexdienstleisterinnen, oft selbst Töchter des Feminismus, werden aufgrund des Einflusses tonangebender feministischer Kreise auf die Politik in Schweden aus der bunten Vielfalt der Frauen wegretuschiert und für nicht existent erklärt. Übrig bleiben dann nur noch die, die ins Bild passen: labile Opfer männlicher Gewalt, für deren Wohl besser Wissende zu sorgen haben.

Natürlich ist unter solchen Umständen so gut wie keine selbstbestimmte Erotikdienstleisterin mehr in Schweden tätig. Wer will schon einen anderen Menschen bewusst der Strafverfolgung aussetzen?
Menschenhändler und Personen, die Frauen gegen ihren Willen zur Prostitution zwingen oder deren schwache Gemütslage ausnutzen, finden ein unbesetztes Feld vor. Die Zwangsprostitution hat man in Schweden, das wird offiziell eingeräumt, nicht in den Griff bekommen.

Das Bild des Erotik- Gewerbes in Schweden, das unter äußerst fragwürdigen Bedingungen weiter funktioniert, wird inzwischen vorwiegend von Problempersonen, Beschaffungs- und Zwangsprostituierten und Menschenhändlern beherrscht. Das Bild der Sexkauf-GegnerInnen ist vermutlich erst durch die Gesetze zur Freierbestrafung mit ihrem Bild von den Sexdienstleisterinnen in Übereinstimmung gekommen. Erst jetzt sind auch die realen Verhältnisse im Sexdienstleistungsgewerbe Schwedens fast durchgängig abschreckend!

Die schwedischen GesetzgeberInnen nehmen sogar in Kauf, dass Personen verschiedener Couleur aufgrund des Sexkaufverbots ein spannendes und oft auch gewinnbringendes Betätigungsfeld als Denunzianten und Erpresser finden.
Nicht nur sendungsgläubige Frauengruppen, sondern nicht selten auch Teenager nutzen die angreifbare Position von sexkaufwilligen Männern, locken sie z. B. per Internet, um sie dann zu verfolgen und zu erpressen.

Viele der autonomen Sexdienstleisterinnen arbeiten im grenznahen Dänemark und empfangen dort auch schwedische Freier. Diese Kolleginnen berichten, wie schwierig der Umgang mit ihnen zunächst sein kann, dass sie sich anfänglich häufig sehr von anderen Freiern, z. B. aus dem liberaleren Dänemark, unterscheiden.
Zunächst einmal müssen sie re-umerzogen werden. Denn die 7-jährige Indoktrination hat Folgen: Diese Männer glauben inzwischen tatsächlich, sie würden eine Frau und ihre Sexualität kaufen. Da sie sich sowieso schon wie Kriminelle fühlen, macht es für sie offenbar keinen Unterschied mehr, wenn sie sich auch de facto aggressiv gegenüber der Sexdienstleisterin benehmen. Die Kolleginnen dort müssen solchen Freiern dann klar machen, dass alles, was er und sie gemeinsam tun, nur aufgrund beiderseitiger Übereinkunft stattfinden kann.
Meist ist das jedoch nicht allzu schwer zu vermitteln, denn gerade die schwedischen Männer gingen auch schon vor 1999, verglichen im europäischen oder gar Weltmaßstab, ziemlich respektvoll mit Frauen um.

Ähnliche Erfahrungen haben auch wir in Berlin mit schwedischen Freiern gemacht. Einige kommen völlig überspannt zu uns, manchmal vollgepumpt mit Viagra, weil sie die seltene Gelegenheit fern von Schweden voll und ganz auskosten wollen. Das geht allerdings nach hinten los. Uns bleibt meist nichts anderes übrig, als ihnen ihr Geld zurück zu geben und sie wieder weg zu schicken, weil in einem derart potenzübersteuerten Zustand nichts wirklich Erotisches mit ihnen anzufangen ist.
Die meisten schwedischen Männer aber entpuppen sich nach ihrem anfänglich verklemmten Auftritt schon bald als wirklich nette Kerle, wenn sie verstanden haben, dass weder sie noch wir krank an Hirn und Seele sind und wir niemandem, erst recht nicht den Lebenspartnern damit Schaden zufügen, sofern alle Regeln des Gesundheitsschutzes befolgt werden.

Es ist eine grundlegende Verfälschung, von Sexkauf und Gewalt wie von einer Sache zu reden. die untrennbar miteinander verbunden sind. Vielmehr liegt es weitgehend in der Hand von Politik, Justiz und Exekutive, einer Verbindung von Sexdienstleistungsgewerbe mit Kriminalität und Gewalt die Basis zu entziehen, indem zu den Sexdienstleistern Transparenz und Vertrauen aufgebaut werden. In Deutschland und besonders Berlin zeigt sich seit der Legalisierung des Erotikgewerbes und aufgrund des effizienten Vorgehens der zuständigen Polizei immer deutlicher, dass sexuelle Dienstleistung und Verbrechen nichts miteinander zu tun haben müssen.

So wie man z. Zt. in Schweden Freier kriminalisiert (und wie es radikale Feministinnen auch in Deutschland propagieren), wurde bis vor nicht allzu langer Zeit gelebte Homosexualität kriminalisiert und unter Strafe gestellt. Wie unsinnig die Grundannahmen waren, auf denen der frühere § 175 des deutschen Strafgesetzes gegen Homosexualität beruhte, haben die meisten aufgeklärten Menschen in Europa inzwischen erkannt. Es ist nicht auszuschließen, dass die Kriminalisierung des "Sexkaufs" in einigen Jahren auch in Schweden ähnlich betrachtet wird.


Fazit
Prostitution findet in Schweden weiterhin statt. Das Sexkaufverbot ist lediglich gegen freiwillige Sexdienstleistung wirksam. Beschaffungsprostitution und Zwangsprostitution bestehen offenbar unvermindert weiter. Die Situation der Sexdienstleisterinnen hat sich deutlich verschlechtert, Zuhälter haben wieder Konjunktur, denn ohne deren Hilfe kommen die Frauen nur noch schwer an Kunden heran.
An den Zuständen, wie sie der schwedische Film "Lilja 4-ever" zeigt, hat sich durch das Sexkaufverbot nichts geändert.
Zudem hat sich, seit Freier in Schweden bestraft werden, ein sehr großer Sextourismus ins Baltikum (Tallin) über Polen als unverdächtiger Zwischenstation und nach Südostasien entwickelt.

All das zeigt, dass selbst die Angst vor Strafe, Denunziation und Erpressung den Wunsch nach leicht erreichbarem Sex nicht aus den Männern herauszubringen vermag. Es kriminalisiert ganz normale Männer und lässt sie vor der Öffentlichkeit, vor ihren Ehefrauen und nicht zuletzt vor sich selbst wie Kranke mit einem seelischen Makel dastehen. Letzteres gilt vermutlich gleichermaßen für die Männer, die sich von dem Sexkaufverbot zwar abschrecken lassen, den Wunsch danach aber insgeheim weiter hegen und dies vor niemandem mehr offen zugeben können.

Mädchen wie Lilja aber würde wahrscheinlich eher geholfen, wenn es schwedischen Freiern wieder ermöglicht würde, legal zu selbstbestimmten Sexdienstleisterinnen zu gehen, z. B. in (leicht kontrollierbaren) Erotikpraxen, anstatt Prostituierte aus dem Untergrund oder gar Zwangsprostituierte aufzusuchen, was z. Zt. für sie im Inland so ziemlich die einzige Möglichkeit ist. Die polizeilichen und gesellschaftlichen Kapazitäten, die dadurch frei würden, könnten verstärkt im Kampf gegen Zwangsprostitution eingesetzt werden.

Wir halten das schwedische Modell für einen groß angelegten Menschenversuch auf sehr fragwürdiger Grundlage. Denn der Kauf sexueller Dienstleistungen und Gewalt sind voneinander völlig unabhängig und haben vom Grundsatz her nichts miteinander zu tun. Im Bereich der Zwangsprostitution verbindet sich beides miteinander. Auch wir sind der Auffassung, dass diejenigen, die Frauen gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen nötigen oder zwingen, oder sie aufgrund ihrer Notlage ausbeuten, strafrechtlichen Sanktionen unterliegen sollen.
Ein transparentes, legales Erotikdienstleistungs-Gewerbe bildet, das ergibt sich aus der Erfahrung seit 2002 in Deutschland, (das aufgrund seiner geographischen Position bevorzugtes Anlaufland für sexdienstleistungswillige Frauen aus den ärmeren Ländern der ganzen Welt, aber auch für Menschenhändler ist), insbesondere in Berlin, die beste Grundlage dafür, Kriminalität und Menschenhandel deutlich einzugrenzen und angreifbar zu machen.

Ein Gesetz zur Freierbestrafung aber kriminalisiert willkürlich weite Teile der Bevölkerung, sehr wahrscheinlich zu niemandes Nutzen aber zum innerpersönlichen Schaden des "Sexkauf"-Willigen und vielleicht zum Schaden Dritter (u. a. Zwangsprostituierter, die mangels freiwilliger Sexdienstleisterinnen im schwedischen Inland noch mehr unter Druck geraten).