In kaum einer anderen Sache ist man sich im vereinten Europa so uneins,
wie im Umgang mit dem Lustgewerbe.

Während z. B. in den EU-Staaten Niederlande, Griechenland, Portugal, Spanien und Deutschland, sowie der unabhängigen Schweiz, das das Erotikdienstleistungsgewerbe legal und nicht mehr sittenwidrig ist, werden in Schweden die Käufer von sexuellen Dienstleistungen (meist Männer) mit bis zu 6 Monaten Gefängnis bestraft. In Frankreich wurden Freudenhäuser gleich nach dem 2. Weltkrieg verboten und damit das Sexgewerbe fast vollständig auf die Strasse verlagert. Noch ist in Frankreich Prostitution legal. In 2015/16 wird dort aber darüber diskutiert, die Freierbestrafung wie in Schweden einzuführen.


Schweden

Die schwedischen Gesetze, die 1999 in Kraft getreten sind, sehen die generelle Bestrafung von Freiern vor. Ertappte Freier werden danach mindestens mit einer Geldbusse von 50 Tagessätzen, im Höchstfall mit 6 Monaten Gefängnis bestraft. Zudem wird meist eine "Umerziehung" bei einem "Psychologen" angeordnet.

Da schon vor der Gesetzesänderung 1999 die Alimentierung Arbeitsloser in Schweden relativ umfassend war, war der Teil der sexuellen Dienstleisterinnen, die mit ihrer Tätigkeit in erster Linie Geld verdienen wollten, eher gering. Prostitution spielte bis in die 90er Jahre im weltweit als sexuell freizügig bekannten, saturierten Schweden eine geringe Rolle. Erst im Zuge der Globalisierung drangen auch nach Schweden Frauen aus viel ärmeren, vorwiegend osteuropäischen Ländern vor, nicht, wie gern behauptet wird, zwangsläufig und immer im Schlepptau von Menschenhändlern! Seitdem wurde auch im reichen Schweden Prostitution offener sichtbar.
Traditionsbewusste Schweden, die es schwer ertragen konnten, dass in ihrem Land mit seinen wohlversorgten Bürgern so etwas passieren kann, bildeten mit radikal feministischen Kräften eine Allianz, aus der das Gesetz zur Freierbestrafung hervorging.


  Lt. WHO und World Association for Sexology (WAS), ist nicht nur die Zwangsprostitution eine Menschenrechtsverletzung, sondern auch das schwedische Sexkaufverbot, das gegen die Selbstbestimmung erwachsener und freiwillig agierender Sexarbeiterinnen und ihrer Kunden verstößt.

Zu Auswirkungen des schwedischen Modells (April 2012)

Das schwedische Gesetz gründet auf 3 Behauptungen, die auf widerlegbaren und unserer Anschauung nach völlig an der Realität vorbei gehenden Hypothesen beruhen:

1.
SexdienstleisterIn sei man STETS unfreiwillig.

Eine Sexdienstleisterin, die das bestreitet, wird kurzum zur Lebenslügnerin erklärt, mit der man folglich nicht ernsthaft diskutieren muss. (So machen es Radikalfeministinnen, wir nennen sie Schwarzeristinnen, auch hierzulande.)

2.
Jeder Mann, der eine erotische Dienstleistung kaufe, sei daher grundsätzlich ein Gewalttäter! Er nutze beim Kauf von Sex die stets vorhandene(!) Problemlage der Frau aus, aus der heraus sie sich, bzw. einen Teil von sich ihm aus (innerer) Not heraus und unfreiwillig verkaufe.

Der Sexkauf wird analog zum Organhandel betrachtet, bei dem ein Not leidender Mensch z.B. seine Niere, also tatsächlich einen Teil von SICH verkauft, um von der Entlohnung eine Weile lang überleben zu können. Da f
reie Sexdienstleisterinnen, die aus eigener Erfahrung genau wissen, dass sie eine Dienstleistung erbringen und nicht sich selbst oder einen Teil von sich verkaufen, von vornherein als Lebenslügnerinnen entmündigt sind, gibt es niemanden, der dieser Aussage widersprechen kann...

3.
Ein Mann, der die Möglichkeit oder gar Gewohnheit habe, Sex zu kaufen, neige auch im Umgang mit anderen Frauen und Partnerinnen dazu, diese, bzw. deren Erotik für käuflich zu halten. Ein Sexkaufverbot diene deshalb der Sache der Frau.

Man will also tatsächlich durch das Sexkaufverbot ein sensibleres Verhalten von Männern gegenüber Frauen herbeiführen! Indem man einen nicht unbeträchtlichen Teil der männlichen Bevölkerung kriminalisiert und diesen Männern ein ganz neues Schuldbewusstsein anerzieht? - Das Gegenteil liegt näher! Dies bestätigt sich lt. Aussagen von Sexdienstleisterinnen, die schwedische Klienten im grenznahen Ausland empfangen. Erst das von den schwedischen GesetzgeberInnen gewünschte Schuldbewusstsein führt demnach tatsächlich zu einer verächtlich-verklemmten, latent gewaltbereiten Haltung gegenüber den Sexdienstleisterinnen.

 

Patriarchale Strukturen haben die Position der professionellen Liebesdienerinnen im Europa der letzten Jahrhunderte stets geschwächt. In Schweden (und weltweit) aber werden von den alten Radikalfeministinnen die freiwillig im Sexgewerbe tätigen Frauen - vorwiegend von ihren Schwestern - zu labilen Lebenslügnerinnen herabgewürdigt, die für ihr eigenes Handeln nicht verantwortlich sein können.
Wenn der Mann, der die erotische Dienstleistung kauft, (in Schweden spricht man von "Sexkauf") ein Gewalttäter ist, kann die Frau, die sich freiwillig mit ihm einlässt, nur das Pendant zu ihm, also nicht besser sein. Sie kann daher keinen Respekt vor sich entwickeln.

Dieser Gedanke wird von den Sexkauf-SanktioniererInnen aber übersprungen, da man ja vorgeblich auch die Prostituierten durch das Gesetz schützen will und nur schwer erklären könnte, wieso man ihre Selbstachtung untergräbt.

Die selbstbestimmten Sexdienstleisterinnen, oft selbst Töchter des Feminismus, werden aufgrund des Einflusses tonangebender feministischer Kreise auf die Politik in Schweden aus der bunten Vielfalt der Frauen wegretuschiert und für nicht existent erklärt. Übrig bleiben dann nur noch die, die ins Bild passen: labile Opfer männlicher Gewalt, für deren Wohl besser Wissende zu sorgen haben.

Natürlich ist unter solchen Umständen so gut wie keine selbstbestimmte Erotikdienstleisterin mehr in Schweden tätig. Wer will schon einen anderen Menschen bewusst der Strafverfolgung aussetzen?
Menschenhändler und Personen, die Frauen gegen ihren Willen zur Prostitution zwingen oder deren schwache Gemütslage ausnutzen, finden ein unbesetztes Feld vor. Die Zwangsprostitution hat man in Schweden, das wird offiziell eingeräumt, nicht in den Griff bekommen.

Das Bild des Erotik- Gewerbes in Schweden, das unter äußerst fragwürdigen Bedingungen weiter funktioniert, wird inzwischen vorwiegend von Problempersonen, Beschaffungs- und Zwangsprostituierten und Menschenhändlern beherrscht. So ist das Bild der Sexkauf-GegnerInnen erst durch die Gesetze zur Freierbestrafung mit ihrem Bild von den Sexdienstleisterinnen in Übereinstimmung gekommen. Erst jetzt sind auch die realen Verhältnisse im Sexdienstleistungsgewerbe Schwedens fast durchgängig abschreckend!

Die schwedischen GesetzgeberInnen nehmen sogar in Kauf, dass Personen verschiedener Couleur aufgrund des Sexkaufverbots ein spannendes und oft auch gewinnbringendes Betätigungsfeld als Denunzianten und Erpresser finden.
Nicht nur sendungsgläubige Frauengruppen, sondern nicht selten auch Teenager nutzen die angreifbare Position von sexkaufwilligen Männern, locken sie z. B. per Internet, um sie dann zu verfolgen und zu erpressen.

Viele der autonomen Sexdienstleisterinnen arbeiten im grenznahen Dänemark und empfangen dort auch schwedische Freier. Diese Kolleginnen berichten, wie schwierig der Umgang mit ihnen zunächst sein kann, dass sie sich anfänglich häufig sehr von anderen Freiern, z. B. aus dem liberaleren Dänemark, unterscheiden.
Zunächst einmal müssen sie re-umerzogen werden. Denn die andauernde Indoktrination hat Folgen: Viele schwedische Freier glauben inzwischen tatsächlich, sie würden eine Frau und ihre Sexualität kaufen. Da sie sich sowieso schon wie Kriminelle fühlen, macht es für sie offenbar keinen Unterschied mehr, wenn sie sich auch de facto aggressiv gegenüber der Sexdienstleisterin benehmen. Die Kolleginnen dort müssen solchen Freiern zunächst klar machen, dass alles, was er und sie gemeinsam tun, nur aufgrund beiderseitiger Übereinkunft stattfinden kann.
Meist ist das jedoch nicht allzu schwer zu vermitteln, denn gerade die schwedischen Männer gingen schon vor 1999, gemessen am europäischen oder gar Weltmaßstab, ziemlich respektvoll mit Frauen um.

Ähnliche Erfahrungen haben auch wir in Berlin mit schwedischen Freiern gemacht. Einige kommen völlig überspannt zu uns, manchmal vollgepumpt mit Viagra, weil sie die seltene Gelegenheit fern von Schweden voll und ganz auskosten wollen. Sowas geht allerdings nach hinten los. Uns bleibt meist nichts anderes übrig, als ihnen ihr Geld zurück zu geben und sie wieder weg zu schicken, weil in einem derart potenzübersteuerten Zustand nichts wirklich Erotisches mit ihnen anzufangen ist.
Die meisten schwedischen Männer aber entpuppen sich nach ihrem anfänglich verklemmten Auftritt schon bald als wirklich nette Kerle, wenn sie verstanden haben, dass weder sie noch wir krank an Hirn und Seele sind und wir niemandem, erst recht nicht den Lebenspartnern damit Schaden zufügen, sofern alle Regeln des Gesundheitsschutzes befolgt werden.

Es ist eine grundlegende Verfälschung, von Sexkauf und Gewalt wie von einer Sache zu reden.Vielmehr liegt es weitgehend in der Hand von Politik, Justiz und Exekutive, einer Verbindung von Sexdienstleistungsgewerbe mit Kriminalität und Gewalt die Basis zu entziehen, indem zu den Sexdienstleistern Transparenz und Vertrauen aufgebaut werden. In Deutschland und besonders Berlin zeigt sich seit der Legalisierung des Erotikgewerbes und aufgrund des effizienten Vorgehens der zuständigen Polizei immer deutlicher, dass sexuelle Dienstleistung und Verbrechen nichts miteinander zu tun haben müssen.

So wie man in Schweden Freier kriminalisiert (und wie es radikale Feministinnen auch in Deutschland propagieren), wurde bis vor nicht allzu langer Zeit gelebte Homosexualität kriminalisiert und unter Strafe gestellt. Wie unsinnig die Grundannahmen waren, auf denen der frühere § 175 des deutschen Strafgesetzes gegen Homosexualität beruhte, haben die meisten aufgeklärten Menschen in Europa inzwischen erkannt. Es bleibt zu hoffen, dass die Kriminalisierung des "Sexkaufs" in einigen Jahren auch in Schweden ähnlich betrachtet wird.


Fazit
Prostitution findet in Schweden weiterhin statt. Das Sexkaufverbot ist lediglich gegen freiwillige Sexdienstleistung wirksam. Beschaffungsprostitution und Zwangsprostitution bestehen offenbar unvermindert weiter. Die Situation der Sexdienstleisterinnen ist in Schweden miserabel und entwürdigend. Zuhälter haben wieder Konjunktur, denn ohne deren Hilfe kommen die Frauen nur noch schwer an Kunden heran.
Zudem hat sich, seit Freier in Schweden bestraft werden, ein sehr großer Sextourismus, vor allem ins Baltikum (Tallin) über Polen als unverdächtiger Zwischenstation und nach Südostasien entwickelt.

All das zeigt, dass selbst die Angst vor Strafe, Denunziation und Erpressung den Wunsch nach leicht erreichbarem Sex nicht aus den Männern herauszubringen vermag. Das gesetzliche Sexverbot kriminalisiert ganz normale Männer und lässt sie vor der Öffentlichkeit, vor ihren Ehefrauen und nicht zuletzt vor sich selbst wie Kranke mit einem seelischen Makel dastehen. Letzteres gilt vermutlich gleichermaßen für die Männer, die sich durch das Sexkaufverbot zwar vom realen Sexkauf abschrecken lassen, den Wunsch danach aber insgeheim weiter hegen und dies vor niemandem mehr offen zugeben können.

Tatsächlichen Zwangsprostituierten aber würde wahrscheinlich eher geholfen, wenn es schwedischen Freiern wieder ermöglicht würde, legal zu selbstbestimmten Sexdienstleisterinnen zu gehen, z. B. in (leicht kontrollierbaren) Erotikpraxen, anstatt (Zwangs-)prostituierte aus dem Untergrund aufzusuchen, was z. Zt. für sie im Inland so ziemlich die einzige Möglichkeit ist. Die polizeilichen und gesellschaftlichen Kapazitäten, die dadurch frei würden, könnten verstärkt im Kampf gegen reale Zwangsprostitution eingesetzt werden.

Wir halten das schwedische Modell für einen groß angelegten Menschenversuch auf sehr fragwürdiger Grundlage. Denn der Kauf sexueller Dienstleistungen und Gewalt sind voneinander völlig unabhängig und haben vom Grundsatz her nichts miteinander zu tun. Im Bereich der Zwangsprostitution verbindet sich beides miteinander. Auch wir sind der Auffassung, dass diejenigen, die Frauen gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen nötigen oder zwingen, oder sie aufgrund ihrer Notlage ausbeuten, strafrechtlichen Sanktionen unterliegen sollen.

Ein transparentes, legales Erotikdienstleistungs-Gewerbe bildet, das ergibt sich aus der Erfahrung seit 2002 in Deutschland, (das aufgrund seiner geographischen Position bevorzugtes Anlaufland für sexdienstleistungswillige Frauen aus den ärmeren Ländern der ganzen Welt, aber auch für Menschenhändler ist), insbesondere in Berlin, die beste Grundlage dafür, Kriminalität und Menschenhandel deutlich einzugrenzen und angreifbar zu machen.

Ein Gesetz zur Freierbestrafung aber kriminalisiert willkürlich weite Teile der Bevölkerung, zu niemandes Nutzen aber zum innerpersönlichen Schaden des "Sexkauf"-Willigen und vielleicht zum Schaden Dritter (u. a. Zwangsprostituierter, die mangels freiwilliger Sexdienstleisterinnen im schwedischen Inland noch mehr unter Druck geraten).


Zu Auswirkungen des schwedischen Modells (vom April 2012)


Dazu aus DIE ZEIT

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