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Grundsätzliche Gegner von Paysex sind vor allem tonangebende Personen
des radikalen, "alten" Feminismus.

Zwangsprostitution trotz Sexkaufverbot in Schweden
Fair Paysex gegen Zwang und Zwielicht                      

Letztere stellen alle ErotikdienstleisterInnen als fehlgeleitete, gebrochene Opfer hin, die sich entweder aus innerer Not, wie z.B. Drogenabhängige oder, wie Frauen aus Osteuropa, aus äusserer Not heraus selbst verkaufen und ihre Tätigkeit im Grunde ablehnen. Frauen, die dem widersprechen und ihre Selbstbestimmtheit unterstreichen, werden von feministischen Hardlinern meist kurzum der (Lebens-)lüge bezichtigt oder, wenn sich´s nicht anders bewerkstelligen lässt, zu exotischen Ausnahmen erklärt. So wird jede Auseinandersetzung mit der wirklich kompetenten Seite von vornherein vermieden.

Diese Feministinnen bringen keinerlei Erfahrungen aus der Mitte des Gewerbes mit und können dessen gesamtes Spektrum nicht ansatzweise einschätzen. In der Regel erfahren sie Genaueres nur über Problemgruppen, die nur einen Teil des gesamten Erotikdienstleistungsgewerbes ausmachen. Angehörige dieser Gruppen suchen sehr häufig Hilfe bei institutionellen Organisationen. Deshalb sind Informationen über sie relativ leicht zugänglich, während über sonstige Bereiche des Lustgewerbes an Außenstehende, auch aufgrund von Berührungsängsten, bisher wenig zuverlässiges Wissen vorgedrungen ist.

Die fundamental-feministischen EiferInnen kennen nur den Zähler aber nicht den Nenner ihrer Rechnung!

Fatalerweise übertragen die feministischen Hardliner und manche SozialarbeiterInnen ihr Wissen über die Gruppe der drogenabhängigen oder psychisch instabilen Prostituierten, die sich selbst vorwiegend als Opfer erleben und daher mit respektvollen Freiern oft nichts anzufangen wissen, auf alle Facetten des Prostitutionsgewerbes und sehen in allen Erotikdienstleisterinnen Opfer von Männern, die sich aufgrund "dumpfer Anwandlungen" (Alice Schwarzer) eine Hure kaufen, um sie zu benutzen.

Die vielen Frauen, die auch in der Prostitution keine Opfer sind und einfach nur in Ruhe und abgeschirmt vor einer breiten Öffentlichkeit ihrem Job nachgehen wollen, rücken erst gar nicht ins Blickfeld von Feministinnen der Fraktion Alice Schwarzer oder von Sozialarbeiterinnen wie z. B. Sabine Constabel.

Wenn solche Gegnerinnen des Prostitutionsgewerbes, wie am 13. 3. 2012 im Rahmen einer Talkshow bei Sandra Maischberger einer offensichtlich selbstbestimmten Prostituierten begegnen, erklären sie diese mit großem Eifer und geradezu reflexartig zur einsamen Ausnahme ohne Relevanz, offenbar um ihr Weltbild nicht zu gefährden.

Sabine Constabel,
die als Sozialarbeiterin mit Prostituierten arbeitet, welche mit sich und/oder ihrem Job Probleme haben, wurde von Frau Maischberger gefragt, wie viele glückliche, selbstbestimmte Huren sie in ihren 20 Berufsjahren getroffen habe. Sie antwortete: "Keine." Und setzte selbstgewiss hinzu: " Die gibt es nicht." Angesichts der direkt vor ihr sitzenden Kyra, einem Beispiel genau dieser negierten Spezies, behauptete sie ohne zu zögern, Kyra sei eben unter den Huren die absolute Ausnahme und "so typisch für die Prostituierten, wie ein Unterwasserschweißer für die Metallindustrie"

Das ist etwa ebenso absurd, wie wenn ein Schuldnerberater auf die Frage, wie viele zufriedene Hausfrauen ohne Schulden ihm in seiner beruflichen Laufbahn begegnet seien, aus der Tatsache, dass ihm bei seiner Arbeit keine begegnet ist, schließen würde: "Die gibt es nicht." und angesichts einer vor seiner Nase sitzenden Hausfrau ohne Geldsorgen aufgrund seiner "Expertenkenntnis" diese zufriedene Hausfrau zu einer Exotin erklären würde und dies mit einem so grotesken Vergleich verdeutlichen wollte, wie es Frau Constabel im Angesicht von Kyra getan hat.

Sabine Constabel, die "Expertin" konnte es bei dem Gespräch nicht lassen, der offensichtlich gut aufgestellten Kyra zu prognostizieren, dass für sie das dicke Ende noch kommen werde, wenn erstmal "ihre Kräfte in dem Job aufgebraucht" seien.

Wir fragen uns, aus welcher anderen Gruppe unserer Gesellschaft, z.B. in einer Talkshow, einer mündigen, integren Person wie selbstverständlich in ähnlich übergriffiger Weise "ihre Zukunft" prognostiziert werden darf, wenn sie weder darum gebeten, noch dazu provoziert hat?

Wir hier in Berlin sind eine große Zahl von Prostituierten, die mit Zwang, Zwielicht oder gar (unterschwelligem) SklavInnentum so gar nichts zu tun haben. Wir kennen uns untereinander, haben fast ausschließlich Erfahrung mit Freiern, die erotische Paysex-Erlebnisse auf der Basis von Konsens und gegenseitigem Respekt suchen und wahrscheinlich einen Riesenbogen um Erotikdienstleisterinnen machen, die die Vermutung zulassen, es könnte sich z. B. um Abhängige, psychisch Labile oder Frauen handeln, die unter ihrer Aufgabe als Lustbegleiterin leiden. Viele unserer Gäste erkundigen sich, z.B. im Vorgespräch, sehr genau nach den Lebensumständen ihrer favorisierten Lustbegleiterin, um auf keinen Fall mit ihren sexuellen Wünschen in die Not- oder Zwangslage einer Frau einzugreifen.

So erklärt sich vielleicht, warum respektvolle Freier in den Berichten von Frauen aus Problemgruppen eher selten auftauchen. Daher sind sie für die feministischen GegnerInnen von Paysex, die so gut wie keine direkte Erfahrung mit dem Nicht-Opfer-Lustgewerbe haben, nicht einschätzbar.

Es war in Sandra Maischbergers Talkshow immer wieder die Rede von Osteuropäerinnen, die den Job aus reiner Not tun, z.B. um ihre Familien zu ernähren, mit der Tätigkeit im Grunde aber hadern. Es mag sein, dass es eine nicht unbeträchtliche Zahl dieser Frauen gibt. Da wir mit Frauen in ähnlicher Situation, ganz gleich ob Deutsche oder Frauen aus dem ehemaligen "Ostblock", so gut wie keine Berührung haben, können wir das nicht beurteilen.

Etwas können wir jedoch mit Gewissheit sagen: Viele unserer selbstbestimmten und ohne jegliche Not im Erotikgewerbe tätigen Kolleginnen kommen inzwischen z.B. aus Osteuropa, besitzen gültige Arbeitspapiere, studieren oder sind gut ausgebildet und teilweise auch tätig in ihren "bürgerlichen" Berufen. Lustbegleiterin sind viele oft nebenbei, weil es ihnen Spaß macht und/oder weil sie sich über den Nebenverdienst freuen, genauso wie ihre unabhängigen deutschen Kolleginnen.

Längst nicht alle Prostituierten aus Osteuropa tun ihren Job gegen ihren Willen oder aus Not!





VIDEOAUFZEICHNUNG der Diskussionssendung bei Sandra Maischberger
vom 13. März 2012


Dazu
 SPIEGEL ONLINE


Diskussion über diese Sendung im SPIEGEL ONLINE BLOG


DIE  WELT zum gleichen Thema

 

Impressum


 
Zwangsprostitution trotz Sexkaufverbot in Schweden


SPIEGEL ONLINE
14. März 2012, 10:30 Uhr

Maischberger-Talk zu Prostitution

Ein Königreich für echte Fakten!
Von Christoph Twickel

Ein Beruf wie jeder andere - oder Unterdrückung der Frau? Bei Sandra Maischberger stritten sich die Gäste über das Thema Prostitution so leidenschaftlich wie lange nicht mehr. Vor allem Alice Schwarzer war in ihrem Furor kaum zu stoppen, auch nicht von so etwas Lästigem wie Fakten.

Hui, da war Leben in der Bude! Und das ausgerechnet bei einem Thema, das im deutschen Talkshow-Geschäft seit Jahren als abgefrühstückt gilt: "Ob Billigsex oder Edelpuff: Schafft Prostitution ab!" Klingt nach neunziger Jahre? Lockt keinen mehr hinterm Ofen hervor? Pustekuchen! Bei Sandra Maischberger fielen sich die Gäste so leidenschaftlich ins Wort, als gäbe es "Schreinemakers live" noch und Klaus Kinski diskutiere mit Karin Struck über Abtreibung.

Tatsächlich hatte die Moderatorin eine Gästeschar um sich versammelt, deren Zusammensetzung schwer an die Neunziger erinnerte: Da gab's den braungebrannten Jürgen Rudloff, Betreiber des Mega-Puffs "Paradise" in Stuttgart, die selbstbewusste Prostituierte Kyra, die Sozialarbeiterin Sabine Constabel, den Grünen-Politiker Volker Beck - und? Fehlt da nicht jemand? Alice Schwarzer natürlich! In der zweiten Hälfte gesellte sich noch eine verheiratete Frau namens Regina Braun dazu, deren Ehe durch die Bordellbesuche ihres Mannes eine schwere Krise zu durchstehen hatte: "Da werden Familien zerstört, weil es so einfach ist in Deutschland, ins Bordell zu gehen."

Das war Talkshow wie früher! Gäste aus dem Milieu, Betroffene, Praktiker, ein Politiker und die "Emma"-Herausgeberin als unwidersprechliche Kämpferin wider die Unterdrückung der Frau. Das Problem: Die Gegenwart des Gewerbes, über das zu diskutieren war, passte so gar nicht zur Besetzung der Talkrunde, worüber denn auch bald weitgehend Einigkeit herrschte. Die Sozialarbeiterin erklärte, die blonde Kyra, die von ihrem unabhängigen, auskömmlichen Hurendasein berichtete, könnte keinesfalls als repräsentativ gelten, denn etwa 80 Prozent der Prostituierten seien nichtdeutsch, die meisten kämen aus Osteuropa. Hier hätte Maischberger der Informationspflicht halber mal fallen lassen können, dass es keine repräsentativen Studien zum Thema gibt, dass solche Daten also Schätzungen sind.

Dennoch: Kyra mochte gerne zugestehen, dass sie die Ausnahme von der Regel ist. Und auch der reichlich defensive Grüne Beck widersprach nicht, als Constabel erklärte, das unter Rot-Grün verabschiedete Prostitutionsgesetz sei auf die autonome deutsche Prostituierte zugeschnitten - und trage damit nicht den prekären Verhältnissen Rechnung, unter denen die nichtdeutsche Mehrzahl der Prostituierten heute in Deutschland arbeiteten.

Grüne als Prostitutions-Vorreiter?
Beck kam kaum dazu, einzuwenden, dass Migrantinnen auch in "haushaltsnahen Tätigkeiten" schlimme Ausbeutungsverhältnisse zu ertragen haben - da fuhr ihm Alice Schwarzer vehement über den Mund. Der Vorwurf: Die Grünen hätten Prostitution zu einem "Beruf wie jeden anderen" machen wollen, und auch die Rede von der "sexuellen Dienstleistung" sei der nackte Zynismus, denn in Wahrheit gehe es überhaupt nicht um Sex: "Es geht um Macht."

Sprich: Die Talkrunde kam über das empörte Durcheinandergeschnatter nicht hinaus, weil niemand zugegen war, die oder der Alice Schwarzer hätte Paroli bieten können. Bedauerlicherweise - denn die Law-and-Order-Position der "Emma"-Chefin zur Prostitution hat in Fachkreisen immer wieder heftigen Widerspruch provoziert und ist auch unter Feministinnen umstritten.

Bei Maischberger aber konnte Schwarzer relativ unwidersprochen die "Ächtung" der Prostitution fordern, Menschenhandel und Prostitution für "untrennbar miteinander verbunden" und Deutschland zur "Drehscheibe des Menschenhandels" erklären. Schützenhilfe bekam sie von Frau Constabel, die, legitimiert durch zwei Jahrzehnte Sozialarbeit beim Gesundheitsamt Stuttgart, zu berichten wusste, osteuropäische Prostituierte würden von ihren daheimgebliebenen Familien "wie ein EC-Automat" angesehen.

So gab es im Verlauf der Sendung eine Menge krasse Sprachbilder für den Umstand, dass das Wohlstandsgefälle zwischen Deutschland und den östlichen EU-Ländern sich auch auf dem Markt für sexuelle Dienstleistungen zeigt. Den bedenkenswertesten Satz über die armen osteuropäischen Frauen, zu deren Schutz Alice Schwarzer die Prostitution verbieten lassen will, sagte die deutsche Kollegin Kyra: "Die bringen diese Probleme ja schon mit, die sehen die Prostitution als Ausweg, da rauszukommen."
Dabei zeigen Sperrgebiets- oder Kontaktverbotsverordnungen für Freier schon heute, dass Illegalisierung vor allem dazu führt, dass Sexarbeit von öffentlichen Orten in dunkle Gewerbegebiete oder Hinterzimmer abwandert, was die Situation der Frauen nicht eben verbessert. Volker Beck mühte sich etwas halbherzig, Schwarzer dieses Argument entgegenzuhalten - doch eine ernsthafte Debatte kam nicht zustande. Stattdessen gab's kindische Polemiken wie "Gehen Sie doch einfach mal an den Bahnhof, Herr Beck!"

Und am Ende waren sich die durch den Bordellbesuch des Mannes tief verletzte Frau Braun und Alice Schwarzer einig: Wären sexuelle Dienstleistungen verboten und geächtet, wäre der Gatte brav zu Haus geblieben. "Ihr Ehemann wäre vermutlich nicht ins Bordell gegangen", so Schwarzer. "Er lebt aber in einem Land, wo es heißt: Wieso, es ist doch nichts dabei!" Ein Königreich für einen Faktencheck!


URL: http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,821231,00.html

 

DIE WELT
14. März 2012

Late Night "Maischberger"
Huren zwischen Sklavenhandel und Wellness-Puff
Dass zum Thema Prostitution in Deutschland großer Redebedarf herrscht, bewiesen die Gäste der Talk-Show "Menschen bei Maischberger": Von Alice Schwarzer bis Hure Kyra.

Seit 1. Januar 2002 ist Prostitution per Gesetz in Deutschland nicht mehr sittenwidrig. Volker Beck, Parlamentarischer Geschäftsführer der bündnisgrünen Bundestagsfraktion, zählte zu den Initiatoren der Bestimmung, die den Prostituierten mehr Rechte wie eine gesetzliche Krankenversicherung einräumt. Auch die soziale Situation der Frauen sollte damit verbessert werden. Dienstagabend bekannte er bei Maischberger: "Das Gesetz ist auf halbem Wege stehen geblieben.

Denn vor allem Bordellbesitzer und Freier profitieren davon. Die Frauen, von denen hierzulande 80 Prozent Ausländerinnen seien, würden kaum von ihrem Recht Gebrauch machen oder machen können. Viele beherrschten noch nicht einmal die deutsche Sprache. Jedoch sei "ein erster Schritt" mit dem Gesetz gemacht, denn Prostitution sei "ein Beruf wie jeder andere".

Das Gesetz muss nachgebessert werden
Kyra, die seit zehn Jahren als Prostituierte arbeitet, Deutsche ist und ein Abitur hat, war auch der Meinung, "dass das Gesetz nachgebessert werden muss". Sie verkörperte im Prinzip das Ziel, das man in Deutschland bei Prostituierten erreichen sollte: selbstständig, respektiert, geschützter Verkehr, Spaß an der Arbeit. "Ich hatte immer die Freiheit, Nein zu sagen", so Kyra, die nichts von Flatrate-Bordellen und dem "traurigen Alles-ohne-Trend" hält, dem viele Frauen in der Dienstleistung nachgeben würden.

Die Feministin Alice Schwarzer vertrat ihr 70er-Jahre-Bild und forderte die Abschaffung des ältesten Gewerbes der Welt sowie die Bestrafung von Freiern, denn "Prostituierte sind ungeschützter denn je." Sie sprach vor allem von Menschenhandel, verglich diesen mit dem Sklavenhandel und sprach während der anderen Gesprächsbeiträge ausfallend dazwischen. Irgendwann platzte es aus Maischberger heraus: "Wo ist Ihr Punkt, Frau Schwarzer?" Prostitution sei ein "hochkriminelles Milieu", so die Feministin.

Aber warum ist das denn so? Wenn das Gewerbe mehr in die Mitte der Gesellschaft rücken und mehr thematisiert würde, wären die Zuhälter überflüssig und die Frauen eigenständig, denn dann würde die Polizei die Kontrolle übernehmen und sie schützen. Dann würden auch Puffs mit verschleppten Frauen eher auffliegen.

Bordelle werden jedoch an den Stadtrand gedrängt, wo natürlich die Verknüpfung zur Kriminalität steigt. Warum schafft es Prostitution also nicht mitten hinein, zum Beispiel in Häuser, in denen Gesundheitszentren sind? Dann könnte man auch an den Kunden ansetzen, den Männern. Und die Leute mehr sensibilisieren. Deshalb: Ja zur Prostitution in Deutschland! Warum muss es denn mit dem Verruchten verknüpft bleiben?

Zurück zu den Gästen: Jürgen Rudloff, Besitzer des größten Etablissements in Europa ("Paradise") mit 55.000 Freiern im Jahr, investierte nach dem Gesetzeserlass 6 Millionen Euro in den Bau seines Stuttgarter Clubs und sagte: "Bei uns herrscht eine gewisse Wärme. Die Frauen sind quasi sich selbst überlassen. Sie checken ein wie in ein Hotel. Und es gibt eine Frauenbeauftragte."
Ihm würde es allerdings "das Herz zerreißen", wenn seine eigene Tochter ihr Leben als Freudenmädchen bestreiten würde. Sein Club jedoch verstehe sich als Wellness-Bordell mit Saunalandschaft und Buffett zum Relaxen und Wohlfühlen.

Die Prostitutions-Kritikerin Sabine Constabel war alles andere als begeistert von dem Hotel-Vergleich: "Kennst Du die Preise als erste Frage?" Sie hätte in ihrer 20-jährigen Tätigkeit als Sozialarbeiterin mit tausenden Prostituierten gesprochen. Die meisten in dem Gewerbe seien arme Osteuropäerinnen mit niedrigem oder keinem Bildungsabschluss, aber drei Kindern, denen sie "das Geld so, wie sie es kriegen, nach Hause schicken". Für ihre Freier würden diese Frauen "ein Stück Fleisch mit einem Loch" bedeuten. Da würde keine auf ihre Rechte beharren: "Das Gesetz war noch nie tauglich."

Kurz vor Schluss der Sendung holte Sandra Maischberger eine Ehefrau in die Runde, deren Mann ins Bordell gegangen war. Regina Braun fühlte sich betrogen: "Ich nehme ihm übel, dass er Huren in unser Leben geholt hat." Nach dem Geständnis ihres Mannes hatte sie ihn zunächst vor die Tür gesetzt. Sie sei "ins Bodenlose gestürzt" und hätte sich für ihren Mann geschämt: "Da werden Familien zerstört."

Faire Alternative
Ist nicht genau das Gegenteil der Fall – Familien werden durch diese Dienstleistung erhalten? Es geht doch um das rein berufliche Anbieten einer Ware für Geld. Es ist eine faire Alternative für die Gesellschaft, die schließlich Familien braucht: Der Mann geht zu einer Prostituierten, beiden ist klar, was sie wollen, es ist ein Geschäft.
Unfair wird es wiederum, wenn es ins Persönliche abdriftet und die Frauen ausgenutzt werden. Aber dafür gibt es ja jetzt die Diskussion.

http://www.welt.de/fernsehen/article13920372/Huren-zwischen-Sklavenhandel-und-Wellness-Puff.html


Der STERN am 14.März 201 2
Massenbordelle und Flatrate-Sex

Zehn Jahre Prostitutionsgesetz: Die Bilanz bei "Maischberger" fällt allenthalben kritisch aus. Doch ansonsten sind die Fronten gewohnt verhärtet. Von Jan Zier

Schafft Prostitution ab! So richtig fordert das hierzulande grad niemand in der Politik, aber das macht ja nichts. Prostitution, das geht immer. Also: Als Talkshow-Thema. Und natürlich als Geschäft.
Seit zehn Jahren ist Prostitution in Deutschland nicht mehr "sittenwidrig", rein gesetzlich betrachtet. Und die Bilanz dieser rot-grünen Novelle ist, sagt Alice Schwarzer, eine "Katastrophe", Deutschland seither eine "Drehscheibe des Menschenhandels". Aber von der ewigen Feministin hätte man auch kaum anderes erwartet. Entsprechend verkniffen guckt sie auch drein, bei Sandra Maischberger auf dem Sofa. "Das ist kein Beruf", sagt sie, immer wieder, schon gar nicht einer wie jeder anderer. Und es gehe bei Prostitution auch nicht um Sex, sagt Schwarzer, sondern um Macht. Soweit, so Schwarzer. Irgendwie hofft sie immer noch, Prostitution könnte dereinst geächtet werden wie einst die Sklaverei. Und, ja, sie will Strafen für Freier.

Die Positionen in dieser Debatte, sie sind abgesteckt, seit langem schon. Und da will sich auch niemand so richtig auf den anderen zubewegen. Deswegen reden sie auch alle durcheinander an diesem Abend, Alice Schwarzer und Volker Beck, der parlamentarische Geschäftsführer der grünen Bundestagsfraktion, einst Initiator des Prostitutionsgesetzes. Sabine Constabel, die seit 20 Jahren als Sozialarbeiterin Prostituierte betreut und Jürgen Rudloff, Herr über eines der größten Bordelle Europas.

"Es gibt keine glücklichen Huren"
Immerhin, auch Becks Bilanz fällt selbstkritisch aus. Das Gesetz sei auf halbem Wege stehen geblieben, Prostitution, so seine Idee, sollte eine "ganz normale Dienstleistung" werden - "ist es aber nicht", sagt Beck, der gerne das Gewerberecht ändern würde, um Clubs und Bordelle besser kontrollieren zu können. Doch immerhin gebe es jetzt mehr krankenversicherte Prostituierte als früher.

"Es gibt keine glücklichen Huren", sagt Constabel dann, und da hilft es auch nichts, dass neben ihr Kyra sitzt, eine selbstständige Prostituierte ohne Zuhälter, mit 30 seit zehn Jahren im Milieu aktiv. Freiwillig, wie sie sagt, und ohne Zwang. Doch auch Kyras Bilanz des rot-grünen Gesetzes fällt kritisch aus – Massenbordelle und Flatrate-Sex, das habe es so vorher nicht gegeben. Doch Frauen wir Kyra, sagt Constabel, seien die Minderheit. Und natürlich auch nicht glücklich. 80 Prozent aller Prostituierten käme aus dem vorwiegend osteuropäischen Ausland, viele, weil sie ebenda keine Perspektive hätten.
"Es würde mir das Herz zerreißen"

Das ist der Punkt, wo Beck gerne auch über "haushaltsnahe Dienstleistungen" reden würde, wobei er nicht Sex meint, sondern all die stillschweigend geduldeten Pflegekräfte, die hierzulande arbeiten, mehr oder minder illegal. Und auch diese kommen meist aus Osteuropa, und auch meist wegen des Geldes, und nicht, weil sie den Job als Berufung empfinden. Aber soweit soll die Diskussion dann doch nicht von gewohnten Pfaden abweichen. Und auch Kyras Einwand, Armutsprostitution sei eher ein Ausweg und nicht die Wurzel des Übels verhallt irgendwie. Lieber will Frau Schwarzer noch ausführlicher über das Frauenbild von Freiern reden. Und über Herrn Rudloffs Doppelmoral, weil er sagt: "Es würde mir das Herz zerreißen, wenn meine Tochter Prostituierte würde."

Frankreich debattiert gerade, ob Freier mit 3,750 Euro Geldstrafe oder zwei Monaten Knast belangt werden sollten. Schweden hat ähnliche Regelungen schon länger. Und die Bilanz? Unklar. Das ist schade. Denn das hätte die Debatte mal wirklich vorangebracht.

http://www.stern.de/kultur/tv/tv-kritik-zu-maischberger-massenbordelle-und-flatrate-sex-1799579.html


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