"Manche Freier stilisieren sich zur sexuellen Avantgarde"

Warum gehen Männer zu Sexarbeiterinnen? Wird der Markt unattraktiver? Vier Motive von Freiern hat der Sozialwissenschaftler Udo Gerheim ausgemacht. von Parvin Sadigh

ZEIT ONLINE: Herr Gerheim, in einem unserer Leserartikel beschreibt ein Freier, dass er neben seiner Beziehung offen zu Prostituierten geht. Er sagt, Freier wie er würden Sexarbeiterinnen nicht ausbeuten, sondern respektvoll behandeln. Wen gibt es häufiger, den respektvollen Freier oder den frauenverachtenden?

Udo Gerheim: Nach meinen Feldbeobachtungen und der Analyse von Freier-Internet-Foren überwiegen wahrscheinlich respektvolle Geschäftsbeziehungen. Die Männer unterscheiden sich nicht von der Normalbevölkerung, alle Schichten und Altersgruppen sind vertreten. Die meisten lehnen Zwang und Gewalt ab. Allerdings kann ich das auf quantitativer Ebene nicht abschließend belegen, die Datenlage in diesem Bereich ist für die Bundesrepublik katastrophal.

Dr. Udo Gerheim ist Sozialwissenschaftler am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er hat eine qualitativ-empirische Interviewstudie mit Freieren durchgeführt: Die Produktion des Freiers. Macht im Feld der Prostitution. Eine soziologische Untersuchung. Erschienen ist das Buch im Transcript Verlag Bielefeld.

Gerheim: Ich habe in meinen Interviews mit Freiern vier Motivmuster festgestellt, die sich überschneiden können: Das erste Motiv ist ganz einfach das Bedürfnis nach Sexualität und Körperlichkeit in jeder Spielart – allzeit verfügbar, ohne Werbephase, soziale Erwartungen und ohne die Angst, zurückgewiesen zu werden von privat zum Teil unerreichbaren Sexualpartnerinnen.

ZEIT ONLINE: Sex mit Respekt, aber ohne Verantwortung.

Gerheim: Ja. Aber zweitens gehen manche Freier auch mit sozialen Wünschen zu Sexarbeiterinnen. Viele von ihnen wollen vor allem kommunizieren und suchen nach Zärtlichkeit. Sie fühlen sich einsam oder sind schüchtern und sehen in der Sexarbeiterin eine besondere Frau, die sie umsorgt und die nicht weiterträgt, was sie ihr anvertrauen. Es gibt allerdings auch den frauenverachtenden Zweig dieses Motivs: Männer, die die Sexarbeiterin beschimpfen, demütigen, sie zu Praktiken zwingen, die sie nicht wollen, bis hin zur Vergewaltigung. Sie erotisieren oft das Elend, gehen bewusst auf den Drogenstrich, wo sie Frauen finden, die unter elenden Bedingungen arbeiten.

Zum Dritten gibt es Freier, die psychische Motive haben, die vielleicht gerade eine Selbstwertkrise oder eine Depression erleben. Der Prostitutionsbesuch ist für sie nur der Rahmen, in dem neurotische Konflikte, Scham- und Schuldgefühle ausagiert werden können.

Zuletzt fühlen sich manche Männer von der Prostitution als "geheimnisvoller", unbekannter Subkultur, vom Normverstoß angezogen. Sie wollen einmal etwas Verrücktes, vielleicht sogar Gefährliches tun, in dem sie in das verruchte Rotlicht-Milieu eintauchen. Furcht und Ungewissheit paart sich mit Lust.

ZEIT ONLINE: Warum gehen Männer zu Zwangsprostituierten?

Gerheim: Im Gegensatz zum Drogenstrich ist das Elend der Zwangsprostituierten nicht unbedingt offensichtlich zu erkennen, etwa durch blaue Flecken, sonstige Gewaltanzeichen oder Panik. Die betroffenen Frauen haben zu viel Angst, um zu zeigen, in welcher Situation sie sind. Viele Freier dürften aber auch nicht genau nachfragen und legitimieren ihr Handeln mit dem Gedanken: "Wofür ich bezahlt habe, das ist in Ordnung." Das Leid und die Geschichte der Sexarbeiterin verschwindet dahinter, wird nicht beachtet oder ist egal.

ZEIT ONLINE: Wird Prostitution in Zeiten von Emanzipation und sexueller Freizügigkeit nicht irgendwann überflüssig?

Gerheim: Manche Gründe, zur Sexarbeiterin zu gehen, fallen tatsächlich weg: Sexualität soll heute primär in der Paarbeziehung stattfinden, das ist zentral. Frauen werden deshalb von Männern seltener als früher eingeteilt in Heilige und Hure. Die Fantasie, dass man die heilige Ehefrau nicht beschmutzen darf, gibt es in dieser Reinform nur noch selten. Außerdem reden Paare heute offener über Sexualität. Ausgefallene Wünsche müssen nicht unbedingt ausgelagert werden. Auch der Bordellbesuch für den jungen Mann als Initiationsritus wird immer unbedeutender. Der innermännlichen Konkurrenzkampf um die begehrte Ressource Sexualität beziehungsweise um sexuelles Kapital (Wer hat wie oft mit wie vielen Frauen?), ist zwar noch aktuell, wertet Prostitutionssex aber eher ab, nach dem Motto: "Der hat es nötig und kriegt sonst keine rum."

ZEIT ONLINE: Und was spricht für die Männer noch dafür?

Gerheim: Prostitution hat noch immer eine Kompensationsfunktion. Ich bekomme privat nicht, was ich brauche, also zahle ich dafür. Diese Männer leiden dann oft unter Einsamkeits- oder Versagensgefühlen, denn eigentlich hätten sie lieber eine Freundin oder Frau, mit der sie Sex haben und eine Beziehung leben können. Daneben existiert aber auch ein eher hedonistischer Zugang, mit dem sich Freier gewissermaßen zur sexuellen Avantgarde stilisieren: Der Mann, der ganz offen beides zu schätzen weiß, ein erfülltes Privatleben und den Kick durch die Sexarbeiterin – wie der Leserartikelschreiber.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Prostitution wird immer ein funktionierender Markt bleiben?

Gerheim: Wahrscheinlich ja. Aber die Prognose ist schwierig. Sie hängt von Machtverhältnissen und sozialen Kämpfen im Prostitutionsfeld ab. Welche Diskurse sind dominant und bestimmen die Praxis? Der Täter-Diskurs könnte Prostitution unattraktiv machen, weil er sie als strukturelle Gewalt definiert. Der Entfremdungsdiskurs erklärt, warum Prostitution für viele Männer (und Frauen) uninteressant ist oder wird. Denn eine Sexualbeziehung soll demnach nicht nur in der romantischen Beziehung, sondern auch im One-Night-Stand auf wechselseitigen und authentischen Gefühlen beruhen. Das gekaufte Begehren ist dann wie das Loser-Image des Freiers, der auf andere Weise nicht zu Sex kommt, ein Delegitimierungsfaktor für die Nachfrage.

ZEIT ONLINE: Viel spricht also nicht mehr für die Sexarbeit?

Gerheim: Grundsätzlich ist Prostitution ein Herrschaftsverhältnis und zudem in extremer Form geschlechtsspezifisch und geschlechtshierarchisch strukturiert. Es steht fast ausschließlich ein weibliches Angebot einer männlichen Nachfrage gegenüber. Die Sexarbeiterin gibt, für einen begrenzten Zeitraum und in klar umrissenen Grenzen, ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht gegen Bezahlung auf und der Freier erhält damit die temporäre Verfügungsgewalt über ihren Körper. Unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen sollte es das meiner Ansicht nicht mehr geben.

ZEIT ONLINE: Ist Alice Schwarzer also auf dem richtigen Weg, wenn Sie Prostitution grundsätzlich als Missbrauch definiert und jetzt sogar mit der Pädophilie vergleicht? ?

Gerheim: Eine undifferenzierte Täter-Opfer-Zuschreibung trifft die Realität auch nicht. Denn die Machtfrage hängt wesentlich von den Intentionen der Freier ab (suchen sie Nähe, den schnellen Sex oder wollen sie frauenverachtende Gewaltphantasien ausleben) sowie von den Macht-Ressourcen, die die Sexarbeiterinnen dem entgegensetzen können: Unter welchen sozialen, ökonomischen, gesundheitlichen und psychischen Umständen sie ihrer Tätigkeit nachgehen, wie frei sie darin sind, Freier abzulehnen. Auch wie frei sie sind, Arbeitsort, Tätigkeitsarten, Arbeitszeiten und Preise selbst zu bestimmen. Und ob sie mit der Prostitution jederzeit aufhören und auch etwas anderes machen können.

 

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