A B E N T E U E R    H U R E


Man hat es häufig genug beteuert, um es verdächtig zu machen: Mit der Prostitution an sich haben wir alle kein Problem mehr. Natürlich sind wir gegen Zuhälter, wir verurteilen jede Form der sexuellen Gewalt und müssen über unsere Meinung zum Menschenhandel nicht nachdenken. Aber wir sind tolerant. In einer Zeit, die nichts so sehr fürchtet wie die Furcht vor dem Sex, ringt sich kaum jemand öffentlich zu einem grundsätzlichen Problem mit der Prostitution durch.

Heutzutage schreiben Callgirls Bücher über ihren Spaß bei der Arbeit und anderswo, gibt Marcel Feige ein Lexikon zum Thema heraus und redet in Talkshows, porträtiert Felix Ihlefeldt in „Abenteuer Hure“ die atemlos spannenden Doppelleben der heimlichen Hobbyhuren.

Dass solche Bücher gelesen werden, ist u. a. ein Indiz für eine größere Unbefangenheit im Umgang mit der Prostitution. Sei es auch eher voyeuristisch motiviert als von dem Wunsch getragen, sich ernsthaft mit allen Facetten der sexuellen Dienstleistung auseinander zu setzen. Immerhin: Man hört sich Insider an und die Outsider schielen neugierig durch die Vorhänge.

Von dieser Entwicklung konnte ich unmittelbar profitieren. Ich habe meiner Familie und meinen Freunden „gestanden“, dass ich in einem Puff arbeite. Die Reaktionen darauf waren alle von Respekt geprägt und dem Versuch, das zu verstehen. Ich weiß, welches Glück ich damit hatte. Allein die Tatsache, dass mir ein Coming-Out denkbar erschien und möglich war, ist ein Kompliment an meine Umwelt.

Aber: Schon was man „Geständnis“ nennen möchte, verdient Skepsis. Etwas zu gestehen, bedeutet eine gewisse Art der Mitteilung. Leise, geflüstert, gebeichtet. Niedergeschlagene Augen und eine angemessen leidende Miene. Es ist ja nur zu verständlich: die Bilder einmal loswerden müssen von den Männern, die dich in deinen Schlaf verfolgen, die ständige Demütigung einmal anklagen dürfen, eine vertraute Schulter einmal nassheulen... Nur – ich leide nicht. Ich bin nicht ausgeliefert und nicht wehrlos und fühle mich nicht herabgewürdigt. Es geht mir gut im Puff.

Diese Tatsache steht so sehr im Gegensatz zu dem, was ich an Vorurteilen, wie sich der Puff auszuwirken habe, mit mir herumschleppte, dass ich selbst lange brauchte, um es zu begreifen: Der Puff ist eher mein Höhenflug als mein Niedergang.

Sobald mir dies bewusst war, hätte ich das aufwändig inszenierte Geständnis durch eine Erzählung ablösen können. Dennoch ist mir bis heute kaum gelungen, irgendjemandem gegenüber mich so mitzuteilen, wie es den Nagel auf den Kopf getroffen hätte. Ich will meine Prostitution als eine Verlegenheitslösung darstellen, als eine unreife Jugendsünde und eine latente Belastung. Von diesen Impulsen lenke ich mich üblicherweise ab, indem ich augenblicklich in wortreiche Erklärungen, eloquente Rechtfertigungen und theoretische Diskurse verfalle, anstatt schlicht bei dem zu bleiben, was Tatsache ist.

Warum dieser Aufwand? Dieser Überbau, die Verkleidung, die Lüge? Wozu eine Leidensperformance, wenn ich nicht leide? Man könnte sagen, dies sei ein Problem meinerseits und da werde ich schon so meine tiefreichenden Gründe haben, mir meine Arbeit in dieser bestimmten Art zu verkaufen. – Wenn dem so wäre, würde ich vom Puff in der immer gleichen falschen Art erzählen. Aber: Ich erzähle von ihm in immer anderer falscher Art. Wie ich den Puff ausspreche, ist von meinem jeweiligen Gegenüber abhängig. Soziale Arbeit schult die Sensibilität für die Bedürfnisse anderer.

Ich traf wenige Menschen nur, die die freudestrahlende Hure verkraftet hätten. Dass von den 400.000 Frauen, die man deutschlandweit für die Prostitution veranschlagt, plötzlich eine Frau leibhaftig dasitzt, ist Schock genug. Aber wenn man mit überhaupt einer Hure fertig wird, dann mit der leidenden. „Ich tue das nur für mein Studium.“, „Was soll ich denn sonst machen? Ich kann ja nichts.“, usw. Kehre ich zu weiblicher Bescheidenheit und Hilflosigkeit zurück, verzeiht man mir meine Eskapaden schon eher. Werden die Mienen schon freundlicher. Haben wir uns nicht alle mal in den Puff verirrt? So gesehen? Na also. Wird schon wieder.

Das ist wenigstens ehrlicher, als was man sich zur Zeit so gern an Lockerheit versichert. Wenn es die aktuelle Annäherung nicht der Heuchelei überführt, dann relativiert es sie zumindest. Und es widerlegt, dass wir uns auf dem besten Wege befänden, die Prostitution von ihrem traditionellen Stigma zu befreien und in die Gesellschaft zu integrieren. Annäherung ist die notwendige Vorstufe für eine Integration, aber in Bezug auf die Prostitution bleibt zu fragen, ob wir tatsächlich einer ernsthaften Diskussion des Themas entgegenglühen – oder uns im Gegenteil hüten werden, den käuflichen Sex von seinem erotischen Tabu zu befreien.

Denn dass und wie man nach den Gründen sucht, aus denen beispielweise ich im Puff landen konnte, bedeutet ja nicht, dass meine Entscheidung als vollkommen problemlos angesehen wird, sondern ist im Gegenteil der kritische Blick auf ein kritisches Subjekt. Ich habe nichts Grundsätzliches gegen einen sezierenden Blick. Aber diese Kritik, die mir implizit entgegenschlägt und sich gerade in dem größten Verstehenwollen verbirgt, ist prinzipieller Natur, und das macht sie problematisch.

Warum werde ich so skeptisch beäugt, wenn sich die politische correctness doch eine betonte Gelassenheit zur emanzipierten, selbständigen Hure vorgenommen hat? Weil die derart geartete Hure ein Hirngespinst bleiben sollte. Man hat einer harmlosen Fiktion die Toleranz versichert. Es ist leicht, eine skurrile Phantasie zu respektieren - aber man klopft sich dafür auf die Schulter, als sei es mutig. Die Reaktionen zeigen: Eine Hure, die nicht leidet und in keiner Hinsicht Schaden nimmt, ist nach wie vor nicht eingeplant. Sie wird nicht für möglich gehalten.

Aus drei Gründen. Zum Ersten teilen sich solche Huren, denen es gut geht, nicht genug mit. Zwar versichert jede glückliche Hure innerhalb der Szene, inständig auf den Tag ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz zu warten, aber außerhalb des Puffs behelligt sie niemanden mit ihrer Situation. Auf diese Weise werden die Problemberichte und Hilferufe an sozialen Auffangstationen zu einsamen Bezugsquellen. Man könnte auf die Frage, warum niemand die selbständige Hure kennt, also antworten, es habe ja auch niemand die Möglichkeit, sie kennenzulernen.

Das ist, angesichts diverser Veröffentlichungen, nur noch eingeschränkt richtig, führt aber zum zweiten Grund: Der Kopf nimmt durch ein Buch zur Kenntnis, was die Welt an Kuriosem zu bieten hat, und das Gefühl sträubt sich. Sobald die glückliche Hure den Buchzeilen entspringt und sich an einen realen Tisch setzt, wird ihre Erscheinung, die aus der Ferne ja so real wirkte, paradoxerweise unglaublich.
Der dritte Grund ist der interessanteste: Man will so eine Hure gar nicht haben. Nicht nur: Man kennt sie nicht. Nicht nur: Man glaubt sie nicht. Auch noch: Man will sie nicht. Weil die glückliche Hure einen bitteren Affront auf unsere Gesellschaft darstellt.

Das heißt: Zur Zeit wird die traditionelle Diskriminierung der Hure nicht abgeschafft, sondern nur verlagert. Auf eine echte Integration will die so moderne Annäherung nicht hinauslaufen. Unsere Welt hat ein Problem mit der Prostitution wie eh und je. Sie verbirgt es nur besser. Weiterhin reden die Herren über die Behandlung der Diener, nicht über ihre Befreiung.

Im explodierenden Diskurs über die Prostitution wird deren gelingender Entwurf systematisch totgeschwiegen. So wichtig die Behandlung der Zwangsprostitution in den Medien auch ist – ihre ständige und ununterbrochene Präsenz untergräbt nicht zufällig eine differenziertere Darstellung.

Das Problem, das ich der Welt bereite, den Angriff, den sie durch mich spürt, das ist nicht die Tatsache, dass ich „es“ tue, sondern dass ich „es“ gerne tue. Da hört auch unser Spaß einmal auf. – Wohingegen man der berühmten Zwangsprostituierten die Tür vor der Nase nicht zuschlägt. Wir sind nicht herzlos. Ich tue folglich gut daran, mich als Opfer zu verkaufen.

Freiheit wird mir ja zugestanden. Aber nicht diese. – Tabubrüche? In Maßen. – Sex. Aber nicht gegen Geld. – Männer. Aber nicht solche. - Geld. Aber nicht das.

Die Prostituierte muss gerächt werden, nach wie vor muss sie büßen. Die häufigste Methode, die älteste und einfallsloseste, nämlich den Verstoß – aus dem Elternhaus, dem Freundeskreis, usw. – habe ich, wie gesagt, nicht erfahren. Zwei modernere Ideen aber schon.

Die erste Methode will mir die Bestrafung ersparen. Mein Gegenüber will sich, mir, unserem Verhältnis und der Welt beweisen, dass ich gar keine Hure bin.

Interessanterweise bedienten sich sogar viele Freier dieser Argumentation. Sie fielen mir ins Wort, wenn ich zu erkennen gab, dass ich die jeweilige Begegnung als eine Puffbegegnung identifizieren könne, und unterbrachen mich mit einem gütigen: „Nein, Nora, eine Hure ist etwas ganz anderes. Du bist keine Hure. Für mich bist du einfach nur „Nora“.“ Das „für mich“ verrät die Intention. Nicht die Welt soll sauber dargestellt, sondern die eigene Befindlichkeit gepflegt werden.

Dieses Muster hinkt in vielen Varianten: Ich interessiere mich geistig für das Thema Prostitution? Aha, die Sozialwissenschaftlerin undercover, eingeschleust als Pseudo-Hure, Recherchen vor Ort, teilnehmende Beobachtung mit Feldtagebuch. - Ich studiere außerdem? Was heißt denn „außerdem“ – dann könne ich natürlich eine Hure nicht sein, wenn ich noch etwas anderes zu tun habe. - Ich arbeite in einem Edelbordell? Na, dann wisse ich natürlich nicht, wie die Prostitution normalerweise geschähe. Fazit: Ich bin gar keine Hure. Die Welt ist gerettet. (Und „eigentlich“ wird zum verfänglichen Wort.)

Ich muss darauf nicht eingehen – diese Argumentation ist nichts als eine hochprozentige Schnapsidee.
Ein zweiter Versuch war, meinen Fall psychotherapeutisch zu erledigen. Ich arbeite gern im Puff? Dann habe ich irgendwie irgendwo ein Problem. Indem sich mein Gegenüber in die Position des unfehlbaren Analytikers manövriert, stellt er seinen Triumph wieder her. (Es ist ein verräterisches Muster, dass unsere Gesellschaft meint, aus dem Wissen um das Problem eines anderen Menschen folge eine Erhabenheit über ihn - zumal exklusiv auf seelische Probleme bezogen und nicht im gleichen Sinne und Maß auf körperliche.)


Die Unterstellungen hagelten in ungefähr dieser Reihenfolge:


1.)
Ich habe ein Problem. (Von dem er mich umgehend in Kenntnis setzen wird.)  
2.)
Dieses Problem ist Schuld daran, dass ich im Puff gelandet bin und dass ich mir einbilde, gerne dort gelandet zu sein. Favorisierte Probleme sind schwerwiegende sexuelle und grundsätzliche mit Männern (was ebenfalls grundsätzlich schwerwiegend ist).  
3.)
Der Puff verhindert die – auf einmal ungeheuer wichtige – Zurkenntnisnahme des Problems und dessen dringende Lösung.

Diese Prämissen sind samt und sonders grobe Vorurteile.
Eine Hure muss nicht per definitionem ein Problem haben, und hat sie eines, dann muss es mit ihrem Beruf nichts zu tun haben, und hat es damit zu tun, dann kann der Puff die Lösung des Problems darstellen.

Hätte ich von der Wahl meines Studienfaches erzählt, wäre ich nicht angezweifelt worden, ob ich über meine Neigungen und Talente schon zur Genüge informiert sei. Ob ich abschätzen könne, „was das mit dir macht“. Nur der Hure wird unterstellt, sie wisse nicht so gut über sich, über ihre Motive und Probleme Bescheid wie andere Menschen und könne auch nicht absehen, wie sich dieser Beruf auf ihre Zukunft im Allgemeinen und ihre heterosexuelle Bindungsfähigkeit im Besonderen auswirke.

Hier wird zwischen den Zeilen unverhohlen formuliert, was wir längst abgeschafft zu haben meinen: Der häufige Sex mit verschiedenen Partnern zersetze die Frau und ihre psychische Gesundheit. Eine Meinung, über der wir offenbar immer noch nur des Tags und nur aus Pflicht rot werden.
Einer Hure mit der ständigen Versicherung hinterherzujagen, man sei besorgt um sie, man warte darauf, dass sie „etwas Richtiges“ begänne, und bete darum, dass sie nicht „hängenbleibe“, drückt, da es grundsätzlich geschieht, nur das eingefleischte Misstrauen gegen die Lebensfähigkeit der Hure aus, nichts weiter.

Weiterhin: Warum macht die glückliche Hure aggressiv? Warum wird versucht, sie zu demontieren? Im ersten Schritt ist das die Frage, warum man sie überhaupt an den Rand drängt.

An den Rand gedrängt werden Elemente, die man sich als fremd beweisen möchte und bei denen sich dies nicht von selbst versteht. Die angedeutete Intuition, dass sich die Fremdheit der Prostitution nicht von selbst versteht, sondern unter hohem moralischem Aufwand konstruiert werden muss, ist von der Feinfühligkeit eines Elefanten. Wenn man deutschlandweit 30 Millionen Männer annimmt, die als Freier in Frage kommen, und in Schätzungen von 1 Million sexueller Dienstleistungen in 24 Stunden ausgeht, dann können sich die als so fremd beteuerten Welten allzu fern nicht sein. - Darüberhinaus ist die Prostitution der offiziellen Welt deshalb aufs Engste vertraut, weil sie aus ihr entsteht. Sie ist eine Schwarz-Weiß-Kopie der Welt und der Superlativ der Käuflichkeit. Man beschuldigt sie, Urheberin unserer Übel zu sein, aber sie ist immer nur Symptom.

Zum Beispiel: Macht die Prostitution die Frauen zu Objekten? Nein. Sie zeigt, dass wir Frauen in dieser Welt immer schon Objekte sind. Die Prostitution ist nur der einzige Rahmen, der – inmitten ihrer gefürchteten Heuchelei – diese Tatsache so ehrlich darstellt, dass man sie nicht mehr übersehen kann.
Wenn man also fragt, weshalb die Prostitution an den Rand gedrängt wird: Macht die Prostitution vielleicht Angst? Weil sie das Feld liefert, in dem sich freier und – inmitten ihrer teuren und begehrten glatten Haut – hässlich nackt zeigt, was die Gesellschaft angelegt hat?

Es ist nicht dumm, die Prostitution auszugrenzen und sich auf solche Bereiche in ihr zu konzentrieren, in denen die moralische Überlegenheit der öffentlichen Meinung offensichtlich ist. Denn sähen wir dem gekauften Sex in sein Gesicht, ganz und gar, sähen wir - inmitten seiner berühmten Schminke - den mutigsten Spiegel unserer Welt.
Aber das bedeutet noch nicht die Ächtung der Hure, mehr ihre Verdrängung.

Warum also wird die Hure geächtet? Wofür muss sie büßen? Warum soll sie bestraft werden? - Weil sie aus dem System Kapital schlägt! Sie steht ganz oben auf der Käuflichkeit – und dadurch ist sie als einzige nicht mehr käuflich. Das wird ihr bitter verübelt, darin besteht ihr unverzeihlicher Affront an die Gesellschaft: Sie verweigert die solidarische Hilflosigkeit, sie verweigert die soziale Geste des Mit-Leidens. Und das als Frau. Nicht einmalig, sondern zu Hunderttausenden, für jährlich sechs Milliarden Euro. Diese Tatsache macht nicht nur Angst. Sie macht wütend. Schließlich war die Prostitution als alles andere denn als Brutherd für neue Konzepte der Geschlechter gedacht und wird sie offiziell einer solchen Emanzipation auch nie voranstürmen. In ihren „sozial toten Räumen“ toben sich ungeniert die angeblich überholten Geschlechtermodelle und überwundenen Vorstellungen vom Sex aus.

Ausgerechnet die Hure darf sich einen fortschrittlichen Geschlechtsentwurf nicht erlauben. Ausgerechnet ihr bleibt aber kaum etwas anderes übrig. Sie hat die traditionelle Frau zu verkaufen, die sozial sensible, verständige, usw. Das wahlweise euphorische oder ernüchternde Wissen, wie leicht und willig sich die Welt im Allgemeinen und der Mann im Speziellen auf diesem Wege erschließt, bedeutet eine ungeheure Macht. Sei diese Macht auch zur Heimlichkeit verurteilt – sie zwingt die Hure in eine Position, die überlegen, souverän und unabhängig ist.

Damit wird die Hure in ein Paradoxon manövriert, das einzig ihr Opferstatus aufzulösen vermag. - Der Blick auf die Hure wird mit seiner Kehrseite nicht fertig. Damit, dass er sich seinem Objekt durchsichtig macht. Dass er sich trotz aller Anstrengung der Ahnung nicht erwehren kann, dass er durchschaut und Objekt wird. Dass die Hure nur mitspielt und im Gegensatz zu ihm an das Spiel nicht glauben muss. Er bestraft die überlegene Hure, indem er sie sich als sein Opfer beweisen will. Kein Wunder, dass man der Hure genau das erbittert unterstellt, was sie am wenigsten bedeutet.

Die Verwendung und Veröffentlichung dieses Textes, auch auszugsweise, muss von Paula genehmigt sein.
Genehmigungen sind über Paula und die Initiative Fair Paysex in Schriftform zu beantragen
.

© Paula / Initiative Fair Paysex

EMMA  - Auseinandersetzung mit Alice Schwarzers  Pos. zur Prostitution
Für transparente Strukturen in der Prostitution    
EMMA  - Auseinandersetzung mit Alice Schwarzers  Pos. zur Prostitution


Impressum

 

 

 

   


Alice Schwarzers Anti-Prostitutions-Kreuzzug

Moralin, das Frauen schadet
von Gabriele Wolff

Posted on April 1, 2012

Nun habe ich mich bereits länglich mit Alice Schwarzers Talkshow-Auftritt bei Sandra Maischberger beschäftigen müssen:

http://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/15/zur-hebung-des-talkshow-niveaus-der-or-sender-keine-einladung-mehr-an-alice-schwarzer/

Müssen? Genau. Aus freien Stücken tue ich mir solche unterkomplexen Sendungen sicherlich nicht an. Aber solange öffentlich-rechtliche Sender, die meistverkaufte Boulevard-Zeitung Deutschlands und eine immer noch maßgebliche Volkspartei wie die CDU Alice Schwarzer noch eine Plattform bieten – der allseits naseberümpfte Vor- und Nachverurteilungs-Feldzug gegen Jörg Kachelmann in BILD, Blog und EMMA ist durch die Präsentation ihrer Autobiographie ein wenig austariert worden, denn siehe da, wer hätte es gedacht, auch Alice Schwarzer war mal eine ganz normale junge Frau wie Du und ich, wurde gar von Udo Jürgens gebusselt und machte sich schön für ihren Bruno in Paris –, muß man ihre Kampagnen leider ernstnehmen. Weder Medien noch gar die Politik entwickeln kritische Reflexe, wenn im Namen des Opferschutzes und der Moral auf die Barrikaden gegangen wird.

Deshalb übernehme ich das mal. Alice Schwarzer hat auf ihrem Blog als Eigenrezension ihres Talkshow-Auftritts einen ihrer typischen Propaganda-Texte für ein Verbot der Prostitution veröffentlicht; denn was einem mißfällt, gehört verboten, und mit dem Verbot ist das Phänomen dann auch verschwunden. So einfach ist das für jemanden, der aus der Geschichte nicht lernen will (wie war das nochmal mit dem Alkoholverbot in den USA?). Ihren Text zu lesen, lohnt sich daher nicht – es ist eine abgenudelte Schallplatte, die da erklingt, und inhaltlich wie stilistisch im BLÖD-Niveau für Hardcore-Fans angesiedelt. Ihn zu sezieren, lohnt sich schon eher. Die Leser-Kommentare zu studieren, erst recht. Denn die EMMA-Redaktion war so großzügig, nicht nur den üblichen Weihrauch ihrer oft peinlichen Anhänger zu veröffentlichen, sondern auch kritische Kommentare von Prostituierten und von einem Forscher, der sich mit der Thematik, anders als Alice Schwarzer, wirklich auskennt.

Wende ich mich also ihrem Blog-Posting zu.

21.03.2012
Vom Glück sich zu prostituieren

Jüngst war ich in einer Talkshow über Prostitution, mal wieder. Bei Maischberger. „Alice, warum tust du dir so was überhaupt an?“, fragte eine Freundin. Wohl wahr. Warum tue ich mir so was noch an? In einer Runde sitzen mit einer Prostituierten, deren Augen so etwas ganz anderes sagen als ihr Mund.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=93&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=03&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=21&cHash=cdfe92f44f

Emotionaler kann man gar nicht einsteigen. Wer redet von Glück, wenn es um einen Job geht? Wieviele Berufe aus Berufung gibt es? Es ist eine satte Mehrheit, die ihren Beruf nur deshalb ausübt, weil sie das Geld braucht, und nach einer neuen Umfrage haben 25% aller Beschäftigten die innere Kündigung bereits eingereicht und ›prostituieren‹ sich, womöglich unter Verkauf ihrer Seele. ›Was kann ich für Sie tun?‹-Call-Center-Sklaven, unter Tarif bezahlte und herumgestoßene Leiharbeiter – und die Szene mit dem öffentlich gedemütigten Sprecher des Finanzministers läßt erahnen, wie es in einem Ministerium zugeht, wenn keine Kamera läuft.

Aber es geht natürlich vorrangig um Alice Schwarzers Leid, muß sie sich doch schon wieder der Prostitution annehmen, gegen die sie seit Jahrzehnten vergeblich Sturm läuft, und dann besitzt eine Sex-Arbeiterin auch noch die Dreistigkeit, zu behaupten, daß sie ihren Beruf mit Stolz, in aller Unabhängigkeit und wegen der überdurchschnittlich hohen Einkünfte ausübe. Mit einer trüben Vorgeschichte kann sie nicht dienen. Und dann tritt sie auch noch mit mehr Bildung, Würde und Höflichkeit auf als ihre selbsternannte Retterin…

Diese Dame lügt natürlich, das weiß die Augenleserin Alice Schwarzer genau. SIE definiert schließlich, wer Opfer ist. Respekt vor Frauen, die anders denken als sie, hat sie nicht. Wer behauptet, sie als Befreierin nicht zu brauchen, hat von vorneherein jeglichen Rest-Respekt verspielt.

Schwarzer:

Mit einem Großbordell-Betreiber, der bekennt, „es würde mir das Herz zerreißen“, wenn seine heute 15-jährige Tochter sich prostituieren würde; es aber selbstverständlich findet, sich daran zu bereichern, dass sich hunderte von jungen Frauen – oft sehr jungen, die nicht selten kein Wort Deutsch verstehen – zu von ihnen zu entrichtenden Wucherpreisen in seinem „Wellness-Paradies“ den Freiern anbieten.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=93&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=03&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=21&cHash=cdfe92f44f

Daß in dem gehobenen Etablissement des Talkshow-Gastes oft sehr junge Ausländerinnen arbeiten, ist Schwarzers Zugabe; ohne Phantasieleistung kommt man in ihrem Job nicht aus (was sie zutiefst mit ihrem Leib- und Magenblatt BILD verbindet). Daß das Eintrittsgeld einschließlich Pauschalsteuer Wucher sei, beruht allein auf ihrer höchstpersönlichen Würdigung. Kennt sie die ansonsten üblichen Zimmer-Preise? Kennt sie die Tarife, die die Frauen dort fordern? Angesichts des Ambientes werden sie überdurchschnittlich sein – ansonsten könnten es die Frauen sich nicht leisten, den Service des Unternehmers langfristig in Anspruch zu nehmen. Nur so allerdings funktioniert Kampagne: faktenschwach und meinungsstark.

Schwarzer:

Mit einem Grünen-Politiker, dessen unmenschliche Bürokratensprache Lichtjahre entfernt ist von der Lebensrealität der Frauen in der Prostitution. Warum tue ich mir das an?

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=93&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=03&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=21&cHash=cdfe92f44f

Was sie als ›Bürokratensprache‹ geißelt, ist die dem Thema angemessene Rationalität des Volker Beck. Sie selbst geht ja lieber mit ›heißem Herzen‹ vor, was umso leichter fällt, je weniger das kontrollierende Über-Ich intellektuell geprägt ist. Hilfreich ist dabei auch, daß sie von der Lebensrealität von Prostituierten in ihrer ganzen Bandbreite keine Ahnung hat. In ihrer ideologischen Verblendung nimmt sie nur den Ausschnitt ›Menschenhandel und Zwangsprostitution‹ wahr. Wobei sie die Art des Zwanges niemals zur Sprache bringt: er ist nahezu ausschließlich ökomomischer Natur, nicht gewaltsamer.

Schwarzer:

Ich tue es mir an, weil es in diesem gottverlassenen Land kaum KritikerInnen des Systems Prostitution gibt und noch nicht einmal mehr die christlichen Parteien den Frauenkauf menschenunwürdig finden.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=93&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=03&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=21&cHash=cdfe92f44f

Das ist allerdings eine interessante Bemerkung. Schwarzer, die Religions- und Kirchenkritikerin, vermißt plötzlich Religiösität, letztes Bollwerk gegen die allgegenwärtige Unsittlichkeit? Läßt dabei aber selber jegliche Nächstenliebe vermissen, die doch ein Merkmal von Christlichkeit ist. Ihr Unwort vom ›Frauenkauf‹ entwertet die Frauen, für die sie einzutreten vorgibt:

Kommentare von Betroffenen auf ihrem Blog:

ich biete seit fast 10 jahren sex gegen geld an und komme damit nicht nur klar, sondern kann mir jeden morgen in den spiegel sehen und dazu stehen. die abwertung durch die gesellschaft, durch frauen wie frau Constabel, die mit ihren sprachlichen gewaltätigen zitaten genüßlich lächelt – die macht mir meine tätigkeit schwer, nicht meine kunden. mit freundlichen grüßen, annainga

Ich arbeite als Prostituierte, und ehrlich gesagt fand ich die Sendung nur schwer zu ertragen. Wörter wie “Frauen kaufen” sind verbalisierte Gewalt welche negieren, dass Prostituierte wie andere auch ein sexuelles Selbstbestimmungsrecht haben. Frau Schwarzer, ich kann ihnen Garantieren dass die meisten Kunden uns nicht wie ein “Loch” behandeln, sondern anständig. Und auch wenn sie es tun würden, so sind wir trotzdem keine “Löcher”! Jeder Mensch wird bei seiner Arbeit auf seine Aufgabe reduziert, das macht den Menschen aber nicht zur Aufgabe! Besonders Aussagen wie diese: “In einer Runde sitzen mit einer Prostituierten, deren Augen so etwas ganz anderes sagen als ihr Mund.” Sehen sie denn nicht, wie sie hier strukturelle Abwertung von Prostituierten reproduzieren? Sie haben bei Kyra verbissen nach einem Zeichen gesucht, dass sie eben doch nicht zufrieden ist, denn was nicht sein darf kann nicht sein. Haben sie vielleicht daran gedacht dass kyra dort deshalb nicht sehr glücklich war, weil Sie sie nicht ernst genommen haben? Gerade Sie sollten doch wissen, wie verletzend es ist, wenn man von allen Seiten attackiert und abgewertet wird. Sie sehen wegen ihres Status als “Oberfeministin” einen Bruchteil der Schmähungen, welche wir Prostituierten jeden Tag erleben müssen- unter anderem durch ihre Aussagen. Freundliche Grüsse, Caroline

Als langjährige Chefin weiß Schwarzer wohl nicht, wie es im Arbeitsleben von abhängig Beschäftigten zugeht: wie sehr sich da allzuviele verkaufen… Ihre ehemaligen Mitarbeiterinnen könnten wohl auch ein Lied davon singen, wieviel es bedurfte, um die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes als weniger gravierend zu empfinden als die Arbeitsbedingungen selbst. Alle Artikel in EMMA (mit Ausnahme der von namentlich zeichnenden Gastautoren) sind im selben Stil geschrieben: wie hält man das als Redakteurin aus, daß da redigiert wird, bis alles nach Schwarzer klingt? DAS grenzt an seelenverkaufende Prostitution in der ganz normalen Arbeitswelt.


Schwarzer:

Und Rotgrün mit ihrer fahrlässigen, von den Zuhälterlobbies inspirierten Gesetzesreform von 2001 der Verharmlosung, ja Verherrlichung der Prostitution Tür und Tor geöffnet hat: Prostituierte sind in Deutschland Freiern, Zuhältern und Menschenhändlern jetzt mehr ausgeliefert als je zuvor. Dank dieser „Reform“, angeblich zum Wohl der Prostituierten, gilt Deutschland Experten heute als „Drehscheibe des Menschenhandels“ in Europa.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=93&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=03&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=21&cHash=cdfe92f44f

Reine Polemik. Nicht in meinen wildesten Phantasien vermag ich mir eine Zuhälterlobby vorzustellen. Und daß Deutschland heute als Drehscheibe des Menschenhandels (nur zum Zwecke der Prostitution? Oder auch zu anderer Billigarbeit, beispielsweise durch rumänische Bauarbeiter?) lediglich GELTE: was soll das bedeuten?

Schwarzer ist wissenschaftliches Arbeiten fremd. Daher verrät sie nicht einmal die Quelle, die sie zu ihrer Behauptung veranlaßt hat. Ich tippe wieder mal auf dieses sumpfige Rinnsal:

Hier kann man eine Studie nachlesen, die die Behauptung stützen soll, daß Legalisierung von Prostitution zu einer Zunahme des Menschenhandels führe:

http://www2.vwl.wiso.uni-goettingen.de/courant-papers/CRC-PEG_DP_96.pdf

Und hier die fundierte Kritik an der Wissenschaftlichkeit dieser Studie:

http://www.donacarmen.de/wp-content/uploads/2012/02/Stellungnahme-EU-Studie.pdf

Aber Schwarzer wird sich niemals in die Niederungen einer Methodenkritik begeben (wie sie auch die feministischen Bestrebungen zugunsten einer Selbstbestimmung und des Schutzes der Prostituierten schlicht ausblendet). Sie pickt sich die Daten heraus, die ihr in den Kram passen, und mag die Quelle noch so trübe sein.

Ihr Blick auf die Prostitution ist im übrigen auf den angeblichen ›Frauenkauf‹ verengt. Was ist mit männlichen Strichern, die homosexuelle Männer bedienen? Was mit Callboys, die von Frauen ›gekauft‹ werden? Was sagt sie zum Sex-Tourismus alternder Frauen in die Karibik, nach Afrika und Marokko? Auch Frauen kaufen Lust, mögen sie die Gegenleistung auch noch so sehr als Geschenk verbrämen oder gar ihr Lustobjekt heiraten, um ihm einen Aufenthaltsstatus zu verschaffen, der es in eine existenzielle Abhängigkeit bringt. Es ist nun einmal so: Lust ist ewig, aber gerade in oberflächlichen Zeiten wie heute haben es beide Geschlechter schwer, bei mangelnder Attraktivität oder in fortgeschrittenem Alter Sexualpartner zu finden. Das gilt für homo- wie heterosexuelle Menschen beiderlei Geschlechts. Prostitution hat insoweit also auch karitativen Charakter. Abgesehen davon haben nicht wenige, Männer wie Frauen, kein Interesse daran, eine Bindung einzugehen, nur um Lustgewinn zu generieren. Aber das ist mehr an Realität, als Schwarzer zulassen kann.

Schwarzer:

Ich tue es mir an, weil zwar in ganz (West)Europa über Prostitution und Menschenwürde diskutiert wird und die EU-Politikerinnen eine Bestrafung des Frauenkaufs, also der Freier fordern („Together for a Europe free from prostitution“) – in Deutschland aber Prostitution als „Beruf wie jeder andere“ gilt.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=93&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=03&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=21&cHash=cdfe92f44f

DIE EU-POLITIKERINNEN – was für ein Unfug! Als ob die nicht weniger uneins wären als die europäischen Feministinnen. Schwarzer mag keine Studien, schon gar keine feministischen, die das Scheitern der schwedischen und norwegischen Freierbestrafung in den Blick nehmen: allenfalls die Straßenprostitution wurde zurückgedrängt. Die Gefahren für die Prostituierten stiegen dagegen, die Zuhälterei nahm zu, weil die Frauen jetzt zwingender als zuvor auf Vermittlung der Kontakte zu den Kunden durch Dritte angewiesen waren, und angesichts des leichten geschäftlichen Rückgangs wurde der Kondomverzicht zur überwiegenden Realität. Weil sich allenfalls biedere Ehemänner von der Strafandrohung und der damit verbundenen Stigmatisierung abschrecken ließen, stieg die Quote der unangenehmen und potentiell gewalttätigen Kunden.

Vielleicht sollte sich Schwarzer mal diese substantiellen Studien-Evaluierungen von (nun ja, leider studierten), irischen Feministinnen ansehen:

http://feministire.wordpress.com/2011/09/26/swedens-sex-trade-laws-not-the-answer/

http://feministire.wordpress.com/2011/11/19/more-on-the-effects-of-the-norwegian-sex-purchase-ban/

Dann würden ihr die Augen aufgehen, wie schädlich ihre Kampagne ist, deren Erfolg die betroffenen Frauen in eine riskante Illegalität zwingen würde.

Schwarzer:

Es gibt hierzulande kaum Ausstiegshilfen für Prostituierte, dafür aber an so manchen der wenigen Anlaufstellen für Hilfe suchende Prostituierte sogar noch „(Wieder)Einstiegshilfen“. Was für ein Skandal! Das muss man sich mal vor Augen führen: Auf Staatskosten wird in Deutschland Frauen, die sich prostituiert haben und nun nicht mehr weiterwissen, „geholfen“, wieder einzusteigen in die Prostitution…

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=93&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=03&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=21&cHash=cdfe92f44f

Diese Behauptung halte ich für unwahr. Schwarzer möge eine einzige staatliche Wiedereinstiegshilfe in die Prostitution konkret benennen. Ein Googeln nach diesem Begriff erbrachte Null Ergebnisse. Da nicht nur aufgrund ihrer zahlreichen Prozeßniederlagen gegen Höcker in Sachen Kachelmann bekannt ist, daß sie es mit der Wahrheit nicht genau nimmt, wenn’s ihrer Sache dient, muß dringend und zwingend ein Beleg her. ›Was für ein Skandal!‹, so etwas ohne überprüfbare Konkretisierung schlicht zu behaupten. Bittebitte: die Benennung einer einzigen staatlich finanzierten Beratungsstelle, die ausstiegswilligen Prostituierten zum Wiedereinstieg rät, wäre die Butter beim Fisch. Da ist ja sogar BILD skrupulöser, wenn es um Meinungsmache geht…

Schwarzer:

Ich tue es mir an, weil die offiziell gebilligte Existenz von Prostitution das Frauenbild aller Männer prägt; auch der Minderheit, die noch nie eine Frau gekauft hat. Wir Frauen sind für Männer das käufliche Geschlecht. Und das lernen sie nicht nur auf dem Strich und im Bordell bzw. in der „Modellwohnung“, sondern tagtäglich auch in der Werbung, in den Medien, in Kunst und Literatur.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=93&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=03&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=21&cHash=cdfe92f44f

Jetzt gehen die Pferde aber mit ihr durch. Woher will sie wissen, daß es eine Minderheit der Männer sei, die noch nie zu einer Prostituierten gegangen ist? Und selbst diese angebliche Minderheit, die Prostitution nur vom Hörensagen kennt, hält also jede Frau für käuflich… Warum denn bloß? Da dürfte doch eher ein Herr Maschmeyer das Frauenbild beeinträchtigen, wenn er sich zu 99% davon überzeugt zeigt, daß er Veronika Ferres ohne seine Millionen nicht hätte erobern können. Der Wunsch nach Aufstieg und sozialer Sicherheit ist leider immer noch ein weibliches Lebensziel, das per Eheschließung leichter zu erreichen ist als durch eigene Karriere. Schreiten wir also zur nächsten Verbotskampagne! Heirat nach oben wird Frauen verboten – Alice Schwarzer, übernehmen Sie! Hier handelt es sich um ›Frauenkauf‹ ersten Ranges, mit Haut und Haar & Leib und Seele. Wer, wenn nicht Sie, könnte sich der Sache annehmen?

Alice Schwarzer weiß auch nicht, daß nach Dunkelfeldschätzungen die Hälfte aller männlichen Kunden verheiratet ist oder in festen Beziehungen lebt und daß diese Männer im Puff etwas anderes suchen als das, was sie in ihren Beziehungen leben. Weiß also auch nicht, daß beides für sie bewußt getrennte Welten sind. Nämlich entweder der Kick des Milieus oder das Erleben einer Lust, die die Beziehung, die für sie ungleich wertvoller ist, nicht berühren soll. Denn eine Geliebte wäre wesentlich gefährlicher für den Bestand der Bindung. Diese Klientel hat mithin zwei sehr unterschiedliche Frauenbilder, die nebeneinander existieren. Das ewige Doppelbild der Madonna und der Hure.

Schwarzer driftet in Sphären ab, in die man ihr selbst beim besten Willen nicht mehr folgen kann: in der Werbung, in den Medien, in der Kunst, in der Literatur existiere die Frau als das käufliche Geschlecht? Wann war sie zuletzt im Kino? Wann hat sie zuletzt ein Werk der Literatur gelesen? Und welches? Es verwundert nicht, daß kein einziges Beispiel angeführt wird. Ich dagegen sehe allüberall Powerfrauen und Schlaffi-Schluffi-Männer. Nur in der Freixenet-Werbung gibt es noch Begehren auf Augenhöhe. Diesem pferdebändigenden Mann würde niemand unterstellen, daß er den Müll herunterträgt, Beziehungs-Problemgespräche führt und sich für Bausparkassenverträge interessiert. Er ist ausnahmsweise der leidenschaftlichen Frau gewachsen, die ihn begehrt. Die anderen Frauen schreiten stolz allein (allenfalls begleitet von einem Geparden) umher und träumen von dem Mann, der ihrer würdig ist.

Ein Jammer, wenn jemand aus der Zeit herausgefallen ist und dennoch meint, Statements zur aktuellen Kultur abgeben zu müssen.

Schwarzer:

Ich tue es mir an, weil 80-90 Prozent der Mädchen und Frauen in der Prostitution in Deutschland Ausländerinnen sind, meist aus den ärmsten Ländern, und häufig vollkommen recht- und sprachlos. Weil nur 3-5 Prozent der Prostituierten wirklich auf eigene Kosten ohne Zuhälter arbeiten. Weil drei von vier Prostituierten nur unter Drogen bzw. Alkohol die Freier bedienen können. Weil zwei von drei als Kind sexuell missbraucht wurden. Weil bis zu 66 Prozent traumatisiert sind und mit denselben Folgen zu kämpfen haben wie Folteropfer. Weil die meisten im Alter Hartz-IV-Empfängerinnen sind. Weil neun von zehn aussteigen würden – wenn sie könnten.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=93&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=03&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=21&cHash=cdfe92f44f

Das alles gehört in die Rubrik: wie bastele ich mir das passende Dunkelfeld. Im Hellfeld von Polizei, Justiz, Sozialarbeit und Gesundheitsdiensten stehen ausschließlich Problemfälle. Wie also kommen Forscher an diejenigen Prostituierten heran, die zu diesen Instanzen keinen Kontakt haben? Diese Studie hätte ich gern einmal gelesen, insbesondere den Abschnitt zur Rekrutierung der Interviewpartner und zur Rücklaufquote der entsprechenden Anfragen. Schwarzer und Quellenangabe? Wie üblich Fehlanzeige. Es geht um Stimmungsmache, wissenschaftliche Evaluierung stört da nur.

Schwarzer:

Ich tue es mir an, weil ich mir keine menschenwürdige Gesellschaft vorstellen kann, in der ein Mensch für ein paar Scheine das Recht hat, den Körper und die Seele eines anderen Menschen zu berühren und benutzen. Prostitution hat es schon immer gegeben? Na und. Die ersten Sklavinnen wurden zur Prostitution gezwungen. Doch auch das Sklaventum haben wir – vor noch gar nicht so langer Zeit – zu ächten begonnen. Sicher, es gibt noch immer SklavInnen in dieser Welt (nicht zuletzt die Zwangsprostituierten im Haus nebenan) – aber der aufgeklärte Teil der Welt missbilligt und bekämpft heute das Sklaventum. Dahin müssen wir endlich auch für die Prostitution kommen!

Ich tue es mir an, weil ich das ungeheure Glück habe, mich niemals prostituiert zu haben – und nicht mehr in den Spiegel gucken könnte, wenn ich mit den Prostituierten nicht solidarisch wäre.

Alice Schwarzer

EMMA  - Auseinandersetzung mit Alice Schwarzers  Pos. zur Prostitution
Für transparente Strukturen in der Prostitution    
EMMA  - Auseinandersetzung mit Alice Schwarzers  Pos. zur Prostitution